Do 07.07.1932, Brief von Anneliese an Walter: “O dear me, was soll das werden?”
7. Juli 1932.
Mein lieber Junge!
Über Deinen letzten Brief habe ich mich ganz besonders gefreut; ich danke Dir, daß Du mich verstehst und öfter auch schriftlich an mich denkst. Ich sitze nun seit 3 Stunden hier am Strand. Erst habe ich gebadet, dann haben wir zu Mittag mitgebrachte Butterbrote gegessen; nun sind die Kinder bald anzuziehen und daddy wird uns mit dem Auto heimfahren. Alles in allem also a very nice day – wenn Mrs. Thompson sich nur einen anderen Ton angewöhnen wollte! Heute bin ich 4 Wochen hier, ich verstehe die Leute schon viel, viel besser. Mit dem Sprechen ist es allerdings noch ziemlich mau. Ich spreche ja auch eigentlich nur zu den Kindern, Mrs. Th. hat solch eine gleichgültige und oft unfreundliche Art nicht hinzuhören bezw. zu antworten, daß ich mich immer überwinden muss, sie anzureden. Ich habe die Absicht, erst noch einmal weitere 2 Monate hier zu bleiben und soviel wie möglich zu lernen. Dann will ich entweder wechseln – falls ich etwas Zusagendes finde – oder eine Bekannte, durch die ich die Adresse bekam, in Südengland besuchen d. h. wenn das nicht zu teuer wird. Sie hat es dort sehr gut getroffen, hat vor allem viel Anschluß an junge Leute gefunden, der mir ja vorläufig noch ganz fehlt.
Gestern u. vorgestern haben mir 2 verschiedene Damen versichert, daß ich schon allerhand zugelernt hätte. Ich hoffe, sie haben recht, ich finde nur immer, daß ich noch unendlich wenig kann! Mrs. Th. würde ja eine Besserung nie betonen – aber alles tadeln, daß kann sie! I beg your pardon, sie hat mich diese Woche einmal gelobt, als ich etwas besonders gut geflickt hatte. Weißt Du, ich glaube, sie meint wunder [?], wie wohl ich mich hier fühlen muss, es ist eben ihre Art, ihre Haustöchter je nach Laune zuweilen als Luft zu behandeln. Sie behandeln mich ja oft, als wenn ich zur Familie gehöre, besonders was Essen und Trinken anbelangt – aber an solchen Sachen ist mir ja nicht allzu viel gelegen; ich würde ein herzliches Wort viel lieber hören!
Letzten Montag habe ich den Bericht für die Zeitung im Rohbau fertig gemacht; es hat einige Überwindung gekostet, erst mal einen Anfang zu machen, denn im Allgemeinen habe ich ja genug zu tun. Eine behaglich-beschauliche Sonntagsstimmung muss ich mir jetzt verkneifen - das kommt aber alles wieder!
Meine Gnädige verreist morgen für 4 Tage und die Kinder sind oft recht ungezogen. O dear me, was soll das werden? Über zuviel Arbeit kann ich mich ja nun nicht beklagen, aber die kleinen Pflichten nehmen den ganzen Tag und einen Teil des Abends dazu in Anspruch. Was sagst Du zu meinen Plan zu wechseln? Wie geht es Dir? Und Deinen lb. Angehörigen? Grüß bitte recht herzl. von mir.
Dir selbst, mein geliebter Junge, recht viele lb. Grüße u. Küsse,
Deine Anneliese.
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