Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mi 06.07.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Die Stelle ist da, der Druck ist da und zuweilen auch Eiter”

Poststempel: 7. Juli, 1130 am

5th July, 1932.
Der Brief ist wohl um einen Tag zu früh datiert.

Liebe Eltern!

Ihr seid mir hoffentlich nicht böse, daß ich Euch schon wieder schreibe. Heute morgen war ich beim Zahnarzt. Einl. ein Brief von ihm u. eine Übersetzung von mir. Ich hatte den Eindruck, daß er ohne Aufnahme nicht recht wußte, woher das Übel kam und sich zu Dr. Rotenpielers Ansicht bekannte, daß der dunkler Zahn zu schwach sei, die Brücke zu tragen.Er meinte ferner, wenn ich in wenigen Monaten wieder nach D. wollte, würde er mir raten zu warten, manche Leute hätte solche Fisteln jahrelang. Ich selbst möchte natürlich die ev. Extraction und Neueinsetzung – womöglich mit Gaumen – nicht hier machen lassen – wenn eben möglich. (Schon der Kosten wegen!) Hätte aber gern – um Klarheit zu haben – das Lichtbild, daß [sic] ich Euch ja dann ev. zum Befragen Dr. Rotenpielers senden kann. Das Lichtbild kostet 21 sh. (ca. M. 16,-). Bekomme ich das wieder? Gefahr soll also angeblich nicht bestehen – ich bin da nicht so ganz sicher. Die Stelle ist da, der Druck ist da und zuweilen auch Eiter. Vielleicht erinnert sich Dr. Rotenpieler oder Dr. Krug und Ihr fragt mal.

Heute waren Mrs. Thompson, die Kinder u. ich zu einer garden-party in Scalby. Ein wunderbarer Park, 6 d Eintritt; die Kinder tanzten dort mit. Zudem gab es allerlei Stände, Glücksspiele usw. Mrs. Th. hat mein rotes Kleid sehr gefallen. Sie hat mich überhaupt gestern tatsächlich und richtig gelobt – für einen Flicken, der mir auch wirklich gut gelungen war – seitdem hat sie aber sicher schon zehnerlei auszusetzen gehabt. Ich hätte doch nie gedacht, daß ich mir mal soviel sagen lassen muss. Heute abend sind sie mal wieder aus und ich will noch einen kl. Bummel machen und dabei Vokabeln lernen. Schreibt bald hierauf.

Herzlichst Eure Anneliese.

Beiliegender Arztbrief:
Telephone No. 9.
20, Ramshill Road, Scarborough.

6 July 1932

In my opinion a radiograph should be taken of the incisor teeth of Fraulein Anneliese Mertens upper jaw. There is a chronic abscess, which discharges periodically, in the space made by the extraction of the [1 rechts oben]. This appears to come from [1 links oben], which carries a bridge, but it might come [2 rechts oben], which looks as if it were rootfilled. As the extraction of [1 rechts oben] will mean an artificial plate, it is great importance [sic] to locate the abscess before deciding on any treatment.

(signed)

Ranulph B. Hunter

L.W.S., R.C.S. Esq

Beigefügte Übersetzung von Anneliese:
6. Juli 1932.

Meiner Meinung nach muß ein Röntgen-Lichtbild des oberen Schneidezahnes von Fräulein Anneliese Merten genommen werden. Da ist ein chronisches Geschwür, das periodisch eitert, in der Lücke, die durch die Extraktion des Zahnes [1 rechts oben] entstanden ist. Das Geschwür scheint von Zahn [1 links oben] zu kommen, der eine Brücke trägt, aber es kann auch von Zahn [2 rechts oben] kommen, bei dem die Wurzel eine Füllung zu haben scheint. Da bei Extraktion des Zahnes [1 links oben] eine künstliche Platte (Gaumen) gemacht werden müßte, ist es sehr wichtig, die Ursache zur Bildung des Geschwürs durch Röntgen festzustellen, bevor irgendein Eingriff gemacht wird.

gez. Ranulph B. Hunter

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