Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 03.07.1932, Brief von Anneliese an Walter: “Gott bewahre mich vor diesen studierten Frauen!”

Sunday, 3d July, 1932

Mein lieber Junge!

Es ist jetzt ½ 2 h, meine kleine Shirley is sleeping upstairs und Brenda macht neben mir eine Perlenkette und fragt jeden Augenblick: Look at this bead, isn’t that a pretty one? Und ich sage dann immer: O yes, it is very nice! Mrs. and Mr. Thompson sind nach Scarborough gefahren, um dort mit einer für heute nachmittag zu Besuch kommenden Tante zu lunchen. Nun will ich Dir aber zunächst einmal herzlichst für Deine lb. Briefe danken. Du glaubst ja garnicht wie mich hier ein Brief von Dir erfreut!Schreib mir bitte so oft Du kannst. Ich habe hier so ein wenig Liebe recht nötig. So etwas gibt’s in diesem Hause nämlich nicht. Ich habe mir lange überlegt, ob ich Dir mal mein Herz ausschütten soll und bin dann schließlich zu dem Entschluß gekommen es doch zu tun. Denn wenn ich es bei Dir nicht kann, bei wem sollte ich es sonst? Du mußt mir aber vorher versprechen, Dir keine Sorgen zu machen, denn ich kann es hier schon einige Zeit aushalten! Ich schicke Dir anbei ein Bild von Mrs. Thompson und bitte Dich, Dich einmal über diese Frau zu äußern! Das Bild ist sehr naturgetreu.

Am Donnerstag war Mrs. Thompsons Geburtstag. Da habe ich ihr einen Kasten Pralinen und ein umhäkeltes Taschentuch – nett mit weißem Papier und Blumen verpackt – gegeben. Sie hat sogar “thank you very much” gesagt, aber in welchem Tone! Etwas mehr hätte ich ja doch erwartet. Dann gabs hinterher einen harten Kampf zwischen uns, der nicht ohne Tränen abging. Ich hatte sie nämlich um Stoff gegeben, um der Kinder Kleider zu flicken. Da sie ihn mir nicht gab, besserte ich erst ein Kleid von mir aus. Darüber hat sie sich wohl geärgert und wollte mich dann durchaus schlecht machen. Sie sagte zwar nicht direkt, ich wäre faul, aber so ungefähr. Ich sei keine gute Hilfe für sie. Leider fehlten mir ja die Worte und ich kann ja auch in solchen Momenten nichts sagen. Daß ich nicht faul bin, weiß ich allein. Ich habe ihr dann auch gesagt, daß ich meiner Meinung nach genug täte. Nachher bemühte sie sich, so lieb zu sein, wie es ihr möglich ist – das ist nicht viel. Sie ist schrecklich muffelig und unfreundlich, besonders wenn es Arbeit gibt. Besonders sauber ist sie auch nicht gerade, verlangt aber alles – was sie nicht tut und ist – von mir. Wenn ein Glühstrumpf entzwei ist oder das Waschbecken nicht sauber ist, dann muß ich es unbedingt gewesen sein. Zuweilen hat sie aber auch lichte Momente. Sie ist unendlich ungeduldig auch mit ihrem Mann und den Kindern; von mir verlangt sie, daß ich weiß, wo alles hingehört und was alles sein muss. Ich glaube, ich bekomme hier mit der Zeit ein ganz dickes Fell. – Hoffentlich kommt es bald! Mr. Thompson ist wenig zu Hause. Ist er abends mal da und sie fort, dann unterhalten wir uns sehr angeregt, aber meist wird hier im Hause kaum gesprochen. Das ist natürlich sehr böse für mich. Die 2-3 Std. am Abend sind auch nicht viel zum Lernen, zudem ist in der Zeit noch zu vieles andere zu tun! Ich möchte gern viel, viel mehr lernen und weiß doch nicht, wie ich es anfangen soll. Weißt Du keinen Ausweg?

Ich bedaure jetzt wirklich auch, daß Du nicht reich bist, ich dächte es mir wunderschön, Dich hier in Scarborough zu haben. Über das Anwachsen Eures Silentiums freue ich mich herzl. und wünsche noch weiterhin besten Erfolg. Wie schön, daß es Deiner lb. Mutter besser geht, ich habe mich recht über die Nachricht gefreut.

Entschuldige bitte die Schrift und Unordnung, aber ich schreibe hier ohne Tisch und Brenda quasselt andauernd dazwischen.

Letzten Mittwoch war ich auf einer Kindergesellschaft in der Nachbarschaft. Heute morgen bin ich mit Mrs. Severs – einer idealen Frau – in der chapel gewesen. Dort bat mich eine Dame, die ein Swiss girl als Haustochter hat, für heute nachm. zum tea. Leider kann ich nun nicht hingehen, da Mrs. Thompson Besuch hat und das Mädchen Ausgang hat.

Ich hoffe, Du machst Dir keine Sorgen, das klingt wohl alles – was ich vorher schrieb – schlimmer, als es ist. Ich bin eben von Haus und vom Leben verwöhnt und einen freundlichen und liebenswürdigen Ton gewöhnt. Aber Mrs. Thompson kann wohl nicht aus ihrer Haut – wie sollte sie auch zu mir anders als zu ihrem Mann und den Kindern sein! Gott bewahre mich vor diesen studierten Frauen!

Demnächst bekommst Du ein Bild von mir. Hoffentlich schickst Du mir auch bald einmal eins! Ich gucke mir die Bilder auch schrecklich oft an. Ich bin nun schon fast 4 Wochen hier, die Zeit geht doch rasend schnell vorbei. Nun soll ich noch für die Zeitung schreiben und weiß doch nicht, woher die Zeit nehmen. Ich lerne fast jeden Abend bis ½ 12 h, dann bin ich zu müde. So kleine Kinder mit ihren Launen machen doch Arbeit.

So, mein lieber lieber Junge, nimm es mir nicht übel, daß ich Dir dies alles schrieb. Es gibt hier auch sehr nette Tage. – Dir & den Deinen herzl. Grüße und Dir besonders alles Gute.

Viele Grüße und Küsse Deine Anneliese.

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