Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 03.07.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Auch dem Walter keins geben, der kriegt schon genug!”

Poststempel: 5. Juli, 1130 am

Newby, 3d July, 1932.

Ihr Lieben in Schwelm!

Samstag morgen erhielt ich Euren – wie immer heiß ersehnten – lb. Brief und danke herzlichst dafür. Ich konnte ihn zwar nicht am Kaffeetisch lesen, dazu war keine Zeit, doch im Laufe des Morgens, als die Kinder dancing-class hatten und Mrs. Thompson einkaufen war. Ich bekam zudem noch 1 Brief von M. Sturm, 1 von Walter und 1 Karte von Hans, das war recht fein. Auch Jutta schrieb mir einen netten, langen Brief. –Hoffentlich erholt Ihr Euch recht, recht gut! Vatis Reise muss ja wunderschön gewesen sein, dazu gebraucht man noch allerhand Urlaub, um das alles zu verdauen, nicht wahr? Ich habe bisher wohl nur 3 mal gebadet, es ist immer etwas kühl am Strande. Heute ist Sonntag. Um 715 wurde ich wach und habe dann etwa 1 Std. im Bett Vokabeln gelernt; es fiel mir zwar etwas schwer, da ich immer noch müde war, aber es mußte sein. Ich habe hier viel zu wenig Zeit zum Lernen! Dann zog ich abwechselnd mich und die Kinder an, machte die Zimmer, frühstückte und kam mit Mühe u. Not halbwegs rechtzeitig zu Mrs. Severs, um mit ihr zur Kapelle zu gehen. Dort bat mich eine Dame, die ein Schweizermädel als Haustochter hat, zum Tee für heute nachmittag. Leider mußte ich absagen, da Mr. und Mrs. Thompson zum Mittagessen ausgegangen waren und hinterher einen Onkel und eine Tante von Leeds mitbrachten. Unglücklicherweise hatte Betty Ausgang. Da habe ich dann erst meine kleine Shirley für 1 ½ Std. ins Bett gepackt, dann beide Gören angezogen. Dann kam der Besuch, recht lustig und unterhaltend. Leider konnte ich ihn nur eine knappe Stunde genießen, denn ich hatte Tee zu machen, aufzuspülen, abzutrocknen und die Kinder zu baden. Sie waren unglaublich ungezogen. Ich freue mich doch, daß ich nicht mein ganzes Leben Kindermädchen sein muss!!!

Eben habe ich mich etwa ½ Stunde mit Mrs. Thompson unterhalten; das ist eine Seltenheit. Meist muckt sie. Letzte Woche Donnerstag sind wir hart aneinander geraten. Das ging nicht ohne Tränen ab. Sie wollte mich durchaus schlecht machen. Sie sagte zwar nicht direkt, ich sei faul, aber so ungefähr. Auf alle Fälle meinte sie, sie hätte nicht viel Hilfe an mir. Leider fehlten mir die Worte, Du weißt ja, ich kann dann nicht viel sagen. Ich habe ihr nur gesagt, daß ich meiner Meinung nach genug täte. Dann bin ich rausgegangen und sie war hinterher so freundlich, wie es ihr eben möglich war, das ist nicht besonders viel! Ihr Ton ist überhaupt immer unter aller Kanone, darum hat man auch garkeine Lust, etwas zu tun. Zu tadeln hat sie immer, aber Lob kennt sie nicht. Sie verlangt all das von mir, was sie selbst nicht tut. Ist ein Glühstrumpf entzwei, so muß ich es unbedingt gewesen sein, wenn ich auch garnichts an der Lampe gemacht habe, ist das Waschbecken nicht sauber, so war ich es. Bedauernswerte Menschen, die nur klagen und immer ungeduldig sind! –

Nun ist es Montag nachmittag, ich habe heute frei. Dies ist ein deutscher Nachmittag, eigentlich wider Willen. Ich habe erst einmal oberflächlich meine Eindrücke aufgeschrieben – wenn Ihr wollt, schicke ich Euch den Bericht erst und Muttel kann ihn dann Onkel Heiner geben. Ich fürchte nur, der Bericht wird zu lang werden. –

Gestern abend habe ich mich noch lange mit Mrs. Thompson unterhalten, sie hat mir u. a. von ihrer letzten Haustochter erzählt. Das muss ja ein blendendes Verhältnis gewesen sein, die haben sich die 2 Monate lang dauernd gezankt; ist aber nicht schwer. Mrs. Th. hat mir gesagt, daß Mrs. Severs 2 engl. Mädel ausfindig gemacht hat, die gern etwas Deutsch lernen wollen und mir dafür Englisch beibringen wollen. Hoffentlich wird das bald. Die eine spielt auch Tennis, das wäre ja fein. –

Mittwoch gehe ich zum Zahnarzt, die sollen aber unverschämt teuer sein! Ich habe doch etwas Angst! Am Freitag vereist [sic] Mrs. Thompson für 4 ½ Tage, das wird ja heiter werden. Solch ungezogene Kinder habe ich selten gesehen, die sagen schon “nein” bevor man überhaupt den Mund auftut. Zu ihrem Vater sagen sie: dreckiger Junge usw. Die Bilder hebt bitte auf, ich lasse sie alle nur ein Mal machen, das kommt zu teuer! Auch dem Walter keins geben, der kriegt schon genug! –

Ein Wollmusseline-Kleid hätte ich gern, auch einen dunklen Kittel und mein rotes Seidenvoilekleid! Mein rosa Kleid ist bald ganz zerrissen. – Für Marias Bericht herzl. Dank! Überhaupt für alle Neuigkeiten! Daß ich nun so sehr viel Geld mitbekommen habe, kann ich nicht finden, das war doch Taschengeld für 6 Monate. Guckt mal zu, was Ihr mir hinterher noch schicken könnte; der Vater wird wohl kein Glück haben, ich glaube, ich bin zu Weihnachten wieder zu Hause! Was meint Ihr? Es ist ja auch nur für den Fall, daß ich hier nicht genug lerne und es hier ev. unerträglich würde, was ja aber garnicht gesagt ist!!!! Gibt es in Schwelm nichts Neues? Ich freue mich schon wieder auf Euren Brief; auch Vati soll oft schreiben! Hat Jutta am 20. od. 23. Geburtstag?

Nun muss ich mich eilen, daß ich zum Abendessen zurecht komme. Morgen bin ich 4 Wochen fort, habe aber noch garnicht viel gelernt!!

Recht herzl. Grüße und ein lb. Küßchen

Eure Anneliese.

Schuhe werden hier nur 1x die Woche geputzt. Ich trage immer die alten braunen. Strandanzug noch nicht getragen.

Äußert Euch mal zu Mrs. Th. Das Bild ist äußerst echt!!

Entschuldigt die Schrift, hier ist kein Tisch!

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