Mo 27.06.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Mit den Kindern komme ich manchmal sehr gut, meistens gut und hin und wieder garnicht zurecht”
Poststempel: Scarborough, 28 June, 1130am
27. Juni 1932.
Liebe Mutti und lieber Vater!
Wie ist es denn nun ohne Jungen! Erholt Ihr Euch nun tüchtig? Oder ist es dazu zu unruhig in Deutschland, die Zeitungen hier berichten von andauernden Schlägereien mit Verwundeten und Toten. Wie ist es denn in Schwelm und Wuppertal? –
Zunächst einmal herzl. Dank für Eure lb. Briefe; natürlich habe ich ungeheuren Spaß gehabt. Das hätte ich ja nun doch nicht erwartet. Sagten denn Margretchen und Frau F. nichts? Das wird Leni ja erfreuen! Wollen sie mir nicht mal eine Postkarte schreiben? Nett von Dir, Muttel, daß Du so nett, ruhig und von oben herab geredet hast! Was sagt denn Vater dazu? Um Eure Spaziergänge beneide ich Euch ja etwas! Nutzt die Ferien und das Wetter nur tüchtig aus! Könnt Ihr denn nicht nach Halberstadt fahren? Auf Vatis ausführlichen Bericht warte ich. Schreibt doch mal mehr über den Jungen, wie es alles kam, wie das Einvernehmen war. Was macht Maria? Von Walter habe ich heute nach 14 Tg. (!) einen Brief gekriegt mit dem Versprechen, mich nicht wieder solange warten lassen zu wollen. Das Silentium hat jetzt 14 Schüler, das sind 210,- M, das ist doch schon allerhand!
An Frida will ich nächste Woche eine Karte schreiben und Harald viel Glück wünschen lassen, da ich seine Adresse nicht habe. Ist es recht, hat Trude am 3. und Jutta am 23. 7. Geburtstag? Frau Dr. Th. hat am Donnerstag Geburtstag; ich habe ihr eine Schachtel Pralinen gekauft, die sie sehr liebt und lege ein rosa umhäkeltes Taschentuch bei. Nächsten Monat hat Brenda und im August Dr. Th. Geburtstag; ich bin also zu sehr unpraktischer Zeit gekommen.
Onkel Karl könnte einem ja Spaß machen, wenn die Angelegenheit nicht so ernst wäre! Nackens schrieben mir ganz glücklich. Letzte Woche waren wir mit der deutsch sprechen könnenden Dame im Spa in Scarborough, dort wurde die diesjährige Rosen- u. Schönheitskönigin mit großem Pomp gekrönt. Das war ein sehr schöner Nachmittag. Mrs. Th. nimmt mich jetzt immer mit zum Einkaufen, ich habe sie darum gebeten. Ich kenne hier nun schon einige wenige Familien meist mit kleinen Kindern. Schade, daß ich nicht einmal eine jg. englische Miss kennen lerne. Beim Baden am Samstag morgen habe ich mich einige Zeit mit dem Badewärter im Boot unterhalten; Ihr seht, ich nütze jede Gelegenheit aus; aber schwer ist es doch. Abends im Bett lerne ich immer noch Vokabeln. Schreib bitte bald, ob ich hier zum Zahnarzt gehen kann! Sonst geht es mir – von einem kleinen Schnupfen abgesehen – recht gut. Die Rückenschmerzen, die mir in den ersten 8 Tagen mein Leben hier versauerten, sind ganz verschwunden. Mit den Kindern komme ich manchmal sehr gut, meistens gut und hin und wieder garnicht zurecht. Aber die Mutter wird auch oft nicht fertig damit und jeden Tag ist hier großes Geschrei, denn Mrs. Hand ist noch loser, als Deine war, Muttel! Wenn sie überhaupt etwas mehr Geduld und Güte hätte – so wie meine Mutti – dann wäre es hier ideal. Aber ich kann mich auch so nicht beklagen. Zuweilen glaube ich sogar, daß ich so vielleicht noch einmal Englisch sprechen lerne! Natürlich fühlt man sich auch andererseits zuweilen recht einsam und darum freue ich mich sehr, daß im nächsten Monat ein 19jähriges deutsches Mädel als paying-guest zu uns kommen soll; hoffentlich wird es wahr!!
Gerti will in der 1. Augustwoche auf einige Tage mit der Karawane nach hier kommen, fein, nicht wahr! Um Hans Fischer tut es mir leid! Grüß Frau Plücking schon und ich wünsche gute Besserung.
Sonntag morgens um 10h gehe ich mit Mrs. Severs (deutsch sprechen könnend) und Miss Tumbler immer zur Kapelle (Sekte), das ist sehr nett, frei (bl. Anzug d. Predigers) und sehr lehrreich für mich. Nachmittags sind wir leider immer zu Hause. Gestern haben wir allerhand [sic] eine Stippvisite bei Bekannten in der Nachbarschaft gemacht.
Und nun, lb. Mutti, noch eine Bitte. Ich gebrauche hier nette, aber bedeckte Kleider, denn meine kl. Shirley hat immer schmutzige Hände. Könntest Du mir da wohl 1 oder 2 Wollmusseline od. nicht knüffelnde Waschseidene machen; bitte nicht zu weit!!! So ähnlich wie mein wß. m. d. Rosen, das ich machte. Dann mein Strickkleid und vielleicht 1 Stück Kinderseife – das kann ich aber auch hier kaufen. Alles andere ist hier im Sommer unerschwinglich teuer, da S. ja ein Modebad ist. Ich trage hier eigentlich nur mein rosa und gestreiftes Kleid und das neue rot karierte, aber dahinein muss ich erst noch wachsen! Mein 100 Pfund scheine ich in Deutschland gelassen zu haben, obwohl ich hier tüchtig esse, wiege ich kaum mehr als 96 Pfund. Hier gibt es morgens Toast m. Butter & Marmelade u. Tee. Mittags Fleisch, Gemüse, Kartoffeln (neue!), Soße. Hinterher Früchte m. flüssige Sahne. Pasteten m. Früchten, Blubber usw. Nachm. Tee, Brot, und 2-3 Sorten Kuchen, abends frisch oder Pastete, wenig Brot u. viel Beilage und 1 Apfel. Morgens vor d. Frühstück bekomme ich 1 Apfel + 1 Glas Wasser; ich nehme nur noch abends ein.
Ich möchte hinterher noch gut 1 Monat als paying-guest in London sein; kann ich dazu das Geld wohl mal von Euch bekommen? Schreibt doch mal bitte darüber. Ich glaube, daß [sic] würde sehr sehr gut für mich sein; aber nur, wenn’s geht!!!
Herzl. Grüße u. recht schöne Ferien Eure Anneliese.
Bitte die Wochensuppe! Die Bilder sind am 14. 6. gemacht. Brenda, Shirley, Dr. Th. und ich. (Dr. hat wohl nen Punkt!)
Hebt mir die Bilder bitte auf, die kosten schrecklich viel Geld!
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