Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Di 21.06.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Es ist überhaupt schade, daß hier nicht viel mehr mit mir gesprochen wird”

Poststempel: Scarborough, 22 June, 1130am

21. Juni 1932.

Liebe Schwelmer!

Für Euren lb. Brief und Vaters Karte herzl. Dank. Hoffentlich hat Vater auch weiterhin schönes Wetter gehabt. Hier war es ab Samstag kalt und feucht. Heute ist es wieder besser. Meine Gnädige ist mit Shirley in Scarborough. Brenda war heute morgen so unleidlich, daß sie nicht mitdurfte. Da habe ich dann einen 1stündigen Spaziergang mit ihr gemacht, auf dem sie sehr lieb war. Komisch, mal küssen sie einen ab und erdrücken einen bald und 1 Stunde hinterher sind sie so störrisch, schlagen und schreien.

Und nun, liebe Mutti, was ich Euch schrieb, sollte kein Klagen sein, aber Ihr wolltet doch die Wahrheit hören. Daß ich mich so wenig wie möglich zu ärgern versuche, ist ja ganz selbstverständlich! Meine Gnädige ist immer schlechter Laune, wenn es Arbeit von Umstand gibt und da das in einem Hause mit Kindern eigentlich immer der Fall ist, ist sie meist mürrisch. Sie hat auch immer soviel zu meckern, daß es schon gar keinen Eindruck mehr auf mich macht, schade, aber ganz nützlich. Manchmal kann sie wiederum von bestrickender Liebenswürdigkeit sein. Abends – falls die Herrschaften nicht ausgehen (das mit dem Familienanschluß ist nicht so wild) – sitzen wir alle und lesen oder ich lerne Vokabeln. Geredet wird dabei kaum. Es ist überhaupt schade, daß hier nicht viel mehr mit mir gesprochen wird. Fremde Leute kommen kaum einmal. Am Samstag habe ich eine Dame mit einem kleinen Kind ganz allein empfangen und mich etwa 1 Stunde mit ihr unterhalten, da meine Herrschaft mit den Kindern auf einem Kinder-Tanztee war. Da war ich ganz stolz, daß das einigermaßen klappte. Familienanschluß geht hier soweit: 1x war ich mit im Theater und gestern in einem schaurigen Film im Kino. Die Fahrt im Auto an der überall beleuchteten Küste und dem wilden Meer war einzig schön! Dann bekomme ich immer gut zu essen, einen ice-cream, wenn die anderen einen haben, es wird die Fahrt für mich bezahlt, wenn wir nach Scarborough zum Einkaufen gehen; ich denke, das ist alles. Doch, ich darf auch abends mit ihnen im Zimmer sitzen. –

So, heute waren die Kinder nachmittags mit ihrem daddy in der Stadt, das Mädchen hatte Ausgang und Mrs. Thompson und ich haben uns beim tea und beim Aufwaschen über allerhand unterhalten. Sie sagt, es ist sehr schwer, hier fremde Leute kennen zu lernen; sie hat das bei all den fremden Mädels, die sie schon gehabt hat, erprobt. Newby ist ein Ort, wohin sich alte Leute zurückziehen. Ausserdem wären die Engländer in punkto Anschluß sehr unhöflich. Ich habe vorige Woche am Freitag nachmittag eine Stunde Tennis gespielt mit einem deutschen Mädel, das jedoch nächsten Monat nach Hause fährt. Hinterher bin ich alleine an der See entlang zu Fuß nach Scarborough gewandert; das war sehr schön. Ich habe mir allerdings Mrs. Thompsons Mißachtung zugezogen, da sie der Kinder Haare alleine waschen mußte; es war aber mein freier Tag, da kann ich halt nichts ändern. Sie hat dann einen Tag gemuckt und dann war es wieder gut. –

Das Essen ist hier sehr schmackhaft und sehr abwechslungsreich. Es gibt immer Nachtisch und Kuchen. Vorläufig habe ich allerdings allerhand abgenommen. Manchmal denke ich, es ist nicht das Richtige gewesen, in eine Familie mit Kindern zu gehen, man hätte vielleicht anderswo – selbst bei größerer Arbeit – mehr gelernt; das kann ich aber heute noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich bin nun heute vor 14 Tagen in London angekommen, es scheint mir schon eine Ewigkeit her zu sein. Gerti schrieb mir, sie will mich im August besuchen, hoffentlich ist sie dann noch hier. Ich freue mich ja schon so darauf. –

Nachdem mein Schmerzenskind Brenda heute vormittag so ungezogen war und ich ihr dann hinterher tüchtig ins Gewissen geredet habe, war sie heute abend lieb und zutraulich wie nie zuvor. Die Kinder schreien überhaupt bei ihrer Mutter viel mehr als bei mir. Eine Tracht Prügel ist mindestens jeden Tag fällig. Zu große Geduld hat Frau Dr Thompson nicht. Weil sie nicht gern was tut, muss alles in furchtbarer Hetze gehen. Dagegen ist Frau Lecour garnichts. Solch ein bischen [sic] deutsche Gemütlichkeit ist doch schön!! –

Wandert mir nur nicht zuviel, besonders Du nicht, Muttel. Und schreibt mir mal, was Ihr sonst noch alles unternommen habt! Vater soll mir aber auch mal schreiben von der Tour, von sich und von Schwelm. – Das Strickkleid möchte ich gelegentlich gern mal haben und einige Briefkarten oder einfache Postkarten. Ein Klavier gibt es hier nicht aber ein Grammophon und ein Radio. Der Walter schreibt auch, bisher noch ganz pünktlich. Letzte Woche schrieb mir Frau Galka aus Herford, wo sie bei der (Braut)Mutter d. Braut von dem angehenden Pastoren einige Tage zur Erholung ist. In der Krankenkasse muss ich wohl noch bleiben. Meine Fistel am Oberkiefer sieht weiß aus, ist dick und morgens habe ich immer einen recht unangenehmen Geschmack. Ich denke, ich muß damit mal zum Arzt gehen, was meint Ihr dazu? Ich bin ängstlich, noch länger zu warten. –

Am Sonntag war ich mit einer älteren Dame in der Kapelle; da habe ich schon viel mehr verstanden, als am Sonntag vorher. Der Pastor war überhaupt nett, jung, frisch im blauen Anzug. Er sagte u. a., daß man kein Recht habe, von Deutschland noch weitere Zahlungen zu verlangen. Schade nur, daß man vom Sagen nichts hat. Im allgemeinen ist die Meinung hier sehr gegen weitere Zahlungen. Man liebt Hitler nicht, verfolgt aber seine Reden u. die Nazi-Bewegung mit großem Interesse. In Leeds hat gar gestern ein Nazi einen Vortrag gehalten. Man ist hier sehr gespannt auf die Wahl. Brüning hat man sehr hoch geschätzt, von Papen weniger. Für Hansens Übersicht herzl. Dank. Bitte zu wiederholen. Für die Polizeistelle wünsche ich alles Gute!!!!! Was macht Maria? Ich will ihr heute kurz schreiben, habe dafür hier wirklich noch keine Zeit. Was macht der neue Bericht und was Tölkes? Ich will mal Stichworte für meinen machen. Dem Ekzem wünsche ich baldiges Verschwinden. Nun ist es 10h, ich muß noch Vokabeln lernen und dann ins Bett.

Für die Zeitungsberichte herzl. Dank. Hansens war aber noch schöner.

Recht herzl. Grüße und hoffentlich recht baldiges Wiederhören

Eure Annöliesö

Mein Geld ist auf der Yorkshire Penny Bank.

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