Mo 13.06.1932, Brief von Anneliese an Walter: “Ich werde hier überhaupt gut behandelt und viel über Hitler befragt”
Newby, June 13th 1932.
Mein lieber Junge!
Eigentlich sollte ich Dir ja auf Englisch für Deinen lb. Brief danken, doch ich denke, so geht es besser und schneller. Zuerst danke ich Dir, daß Du mir so fix geantwortet hast. Du hast ja keine Ahnung, wie mich ein Brief von Dir hier erfreut!! Den letzten Brief, den Du inzwischen sicherlich bekommen hast, hatte ich schon einige Zeit in der Tasche, konnte aber nicht fort, um ihn einzustecken und schrieb dann in aller Eile – als ich Deinen Brief erhielt – noch etwas dazu. Der Brief hat mich sehr erfreut und beruhigt, denn mir war die Aussprache ziemlich nahe gegangen. Aber nun ist ja alles gut. –
Und nun will ich Dir mal allerhand von mir erzählen. Es ist jetzt ½ 9h abends, ich habe gerade eine ganze Portion Vokabeln gelernt; ich schreibe nach Möglichkeit alle unbekannten Worte auf – es sind aber vorläufig noch viel zu viele – und lerne sie dann abends. Nun muss ich aber zuerst mal mit Dir schimpfen: Du sollt Dir keine Sorge um mich machen! Ich bin hier schon gut aufgehoben und wenn es mir nicht mehr passen sollte, dann gehe ich weg. Und nun bist Du nicht mehr ängstlich, nicht wahr? Nun sollst Du erst einmal wissen, was ich zu tun habe – alle diese Sachen sind aber nur für Dich! –
Um 710 morgens werde ich geweckt (ich muss mich jeden Morgen erst wieder besinnen, daß ich in England bin. Dann vermisse ich Euch alle sehr, habe aber keine Zeit weiter darüber nachzudenken), mache mich fertig und helfe dann den beiden Kindern – Brenda ist 5 und Shirley 3 ½ Jahre – beim Anziehen. Um 815 ist breakfast. Da muß ich für die Kinder sorgen, was nicht immer ganz leicht ist. Hinterher werden sie gewaschen und spielen. Ich tue inzwischen etwas leichte Hausarbeit. Dann werden die Kinder zum Ausgehen an den Strand, nach Scarborough oder in die wirklich wunderbare Umgebung angezogen. Und Mrs. Thompson und ich und zuweilen Streech – unser Hund – ziehen los. Vor dem dinner um 1h habe ich die Kleinen frisch zu machen und beim Essen etwas auf die Kleinere zu achten. Nachher folgt die übliche Reinigung der kleinen Pute, die immer sehr nötig ist. (Die Größere kann sich alleine waschen.) Dann kommt die Kleine bis 3h ins Bett und schreit meist fürchterlich, wenn sie wieder aufstehen muss. In der Zeit nähe und flicke ich und unterhalte mich mit dem Radio und – was wichtiger ist – mit Mrs. Thompson. Um ½ 5h ist tea, wozu vor- und nachher die übliche Zurechtmacherei der Kinder nötig ist. (Hier geht immer alles in great hurry!!!)
Um 6 1/4h werden die beiden gebadet und zum Schlafen fertig gemacht. Das dauert bis 7h und ist die Stunde, vor der ich immer Angst habe. Eine alleine wäre nett, aber zwei! Die Kinder sind sehr niedlich und fabelhaft artig, solange ihre Mutter dabei ist. Sagt ihnen aber ein anderer Mensch etwas, so fangen sie an zu schreien. Mrs. Thompson hat immer fremde Mädels; ich weiß nicht, ob das das richtige ist für kleine Kinder. Die Kleinen haben mir erzählt, daß sie alle die Mädels nicht gern hatten und ich denke, mit mir wird es kaum anders werden. Aber ich sage mir immer, ich lasse soviel wie möglich durchgehen und versuche, mich möglichst wenig zu ärgern. Es sind ja nicht meine Kinder. Ob es auf die Dauer gut gehen wird, kann ich heute noch nicht sagen. (Letzte Haustochter wurde deshalb gegangen!) Mit Shirley allein würde ich gut auskommen, aber Brenda ist oft störrisch und wirklich hässlich. Das klingt nun wohl alles ziemlich krass, ist aber nur halb so schlimm. Um 7h ist supper. Mr. Thompson ist sehr nett und bemüht sich auch mir allerhand Interessantes langsam und deutlich beizubringen. Hinterher sitzen wir alle zusammen und lesen oder nähen oder sprechen zusammen. –
Du hast ganz recht, es ist sehr eigentümlich, wenn man plötzlich nur noch Englisch hört. Man kommt sich ganz hilflos und verlassen vor, wenn um einen herum alles redet und redet und man nur Brocken aufschnappen kann. Jetzt geht es schon etwas besser – ich bin nun schon 5 Tage hier – und ich kann mich schon unterhalten, wenn mir auch immer und immer wieder die Worte fehlen; ich versuche dann auf jede mögliche Art den Leuten begreiflich zu machen, was ich meine und schreibe das Wort dann nach Möglichkeit auf. Es ist zum Totlachen, wenn die Engländer Deutsch sprechen, Du meinst, es ist irgend eine unbekannte Sprache. Mrs. Thompson ist Lehrerin gewesen und hat daher eine gute Art, mir etwas beizubringen. Ich glaube, ich bin ihr aber nicht lebhaft genug, sie hat gern etwas quecksilbriges um sich. Sie ist sehr nett; ich kann sie alles fragen. Ich werde hier überhaupt gut behandelt und viel über Hitler befragt! –
Am Sonntag war ich ganz allein in der Kirche; ich habe mich sehr bemüht, aber nicht zuviel verstanden. Die englische evangelische Kirche ist sehr korrekt und ähnlich dem katholischen Gottesdienst. Mir waren zuviel Äußerlichkeiten dabei. Am Sonntag will ich in eine Kapelle gehen, dort soll es freier zugehen, mehr wie in Deutschland. Mit mir will eine nette ältere Dame gehen, die 2 Jahre in Deutschland war und Deutsch sprechen kann. Am Donnerstag nachmittag werde ich zum ersten Mal Tennis spielen; da soll ich eine junge Deutsche kennen lernen, die schon 2 Jahre in Scarborough ist. Am Sonntag tut man hier nichts Besonderes, das ist schade. Gerti macht am Sonntag viel Autoturen [sic], aber Mr. Thompson ist gern zu Haus. Ich habe einen Nachmittag und Abend und 4 Abende für mich; die gebrauche ich aber auch nötig zum Lernen, Schreiben und Ausgehen. Du siehst also, man kann hier schon sein. Zum Geburtstag werde ich mir Geld wünschen und dann möglichst noch 14 Tage in London als paying-guest bleiben; schade, daß Gerti nicht mehr da ist. Die Fahrt von London nach hier hat ungefähr 23,- M gekostet, so weit ist das!! Ich werde wohl ½ Jahr bleiben.
Deiner lb. Mutter wünsche ich alles Gute zu der Reise und recht viel und anhaltende Genesung. Grüß Deinen Bruder und Deine Schwester auch herzlich von mir. Und Du, mein lieber Junge, laß mich bald mal wieder von Dir und Deinem Tun und Treiben hören. Für heute recht herzl. Grüße und Küsse Deine Anneliese.
Gestern hat mir Mrs. T. die Mondscheinsonate [siehe auch hier] auf d. Grammophon vorgespielt, fein!
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