Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mo 13.06.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Hier ist immer alles in großer Eile, das ist so Mode”

Poststempel: Scarborough, 15 June, 1030am

Newby, June 13th, 1932.

Ihr Lieben in Schwelm!

Recht herzl. Dank für Eure lieben Grüße, die mich heute – am Montag morgen – am Kaffee – Verzeihung – Teetisch erreichen. Und nun wollt Ihr wissen, wie Umgebung und Menschen sind! Die Umgebung ist noch schöner, als der ganze Ennepe-Ruhr-Kreis (s. Hans) und die Preise in Scarborough und Umgebung gewiß auch viel höher (bis zu M 28,- für 1 Tag!) Heute am Montag war Putztag – wie bei uns Freitag. Ich hatte in 4 Räumen, Flur, Badezimmer u. Toilette ganz gründlich Staub zu wischen (aber mit deutscher Gründlichkeit!). Das muß ich außerdem noch 2 mal in der Woche machen. Dann sind wir über 1 ½ Std. spazieren gegangen, Mrs. Thompson, Brenda, Shirley, Streech (d. ist der Hund) und ich in hügelliger [sic], waldiger und mit wunderbar blumigen Wiesen versehener Gegend. 10 Minuten weiter ist ein enzückender Ort Scalby, der besteht aus lauter Villen mit wunderbaren Blumen in den Gärten. Dort ist auch die Kirche, in der ich am Sonntag ganz alleine war. Es hat mir aber nicht gut gefallen, es war genau wie ein katholischer Gottesdienst. Am Sonntag will ich nun einmal in eine Kapelle gehen, dort soll es freier sein. Mit mir wird eine nicht mehr ganz junge Miss gehen, die in ihrer Jugend einmal 2 Jahre in Dresden war und mich in meiner Muttersprache anredete. Das war recht fein. Man kommt sich hier natürlich zuerst etwas verlassen vor, wenn alles um einen herum quasselt und man nur Brocken auffangen kann. Nun – es ist nun der 14. Juni – bin ich schon eine ganze Woche fort und verstehe schon allerhand mehr; mit dem Sprechen hapert es allerdings noch. Heute morgen waren wir von 10 ½h bis 4h am Strand. Dort ist es wunderbar schön. Dort weht der Wind über das Meer und ich denke natürlich nur an Hans.

Und nun will ich Euch einmal beschreiben, wie mein Tag verläuft: 715 werde ich geweckt und muß mich immer erst besinnen, daß ich in England bin. Dann mache ich erst mich und dann die 2 Kinder fertig; um 815 ist breakfast. Da habe ich ein wenig für die Kleinen zu sorgen. (Es gibt aber keinen Hafer hier!!) (Das Essen ist überhaupt ganz vorzüglich!) Hinterher sind die 2 zu waschen, was immer sehr nötig ist! D. h. die ältere tut es allein. Dann mache ich mein Bett und die 2 Kinderbetten, wische Staub und ziehe die Kinder zum Ausgehen an. Dann wird vielleicht noch etwas genäht und dann ist es Zeit, die Gören zum Dinner (um 1h) fertigzumachen. Hinterher dasselbe Mannöver [sic]. Shirley kommt dann für 1 ½ Std. ins Bett. Das Aufstehen geht meist nicht ohne Geschrei ab. Ich nähe mittags meist und höre Radio dabei. Um 4 ½ h ist tea, die letzte Mahlzeit für die Kinder. Vor- und nachher erfolgt die übliche Reinigung. Hinterher geht Miss Th. meist in ein paar Läden und ich nähe. Hier kauft man mit dem Marktkorb ein, fein, nicht wahr Muttel?

Um 6h kommt die schwierigste Stunde des Tages, nämlich das Baden der beiden Gören. Heute waren sie so artig, das ich es noch immer nicht begreifen kann. Sie sind überhaupt die liebsten Kinder der Welt, wenn ihre Mammi dabei ist. Aber sonst ist es oft ziemlich schlimm!! Ich versuche aber, mich so wenig wie möglich zu ärgern. Wenn die beiden etwas nicht wollen, fangen sie entsetzlich an zu schreien, ich hoffe doch, daß meine Kinder mal anders sind!! Nach Möglichkeit tue ich ihnen den Willen, mögen andere Leute sehen, wie sie damit fertig werden. Meine Vorgängerin ist gegangen worden, weil die Kinder immer brüllten, wenn sie ihnen etwas sagte. Na, wollen mal abwarten. Um 7h ist hier supper und nachher kann ich an 5 Tagen in der Woche tuen, was ich will. Außerdem habe ich noch Nachmittag frei. Abends lese ich Zeitung mit Hindernissen, schreibe mal und habe unendlich viel zu lernen. Es ist ja jetzt noch alles unendlich viel, was auf mich einstürmt; ich muss immer so ungeheuer aufpassen. Die Leute sprechen aber auch schrecklich schnell. Und dann sind abends immer so unendlich viel Vokabeln zu lernen! Ich habe doch vorher schon allerhand gelernt, doch hier fehlt einem jede Vokabel! (Das ist natürlich alles nur für Euch!) Mrs. Thompson ist Lehrerin gewesen und hat darum eine gute Gabe, mich zu verbessern. Sie hat ebenso viel Talent mir beizubringen, was im Hause und mit den Kindern nicht recht ist und ich sage immer “Yes”. Hier ist immer alles in großer Eile, das ist so Mode. Leider fehlen mir die Worte, sonst würde ich viel besser mit den Kindern fertig werden. Am besten ist, wenn ich ihnen Geschichten erzähle. Was für ein Kappes da zusammen kommt, könnt Ihr Euch wohl denken!

Das Beste an den Kindern ist, daß sie daran gewöhnt sind, alleine zu spielen. In ihrem Spielschrank ist eine Seite, an die dürfen sie und auf de 2. Seite sind Sachen, die sie noch nicht haben dürfen. Ich würde die Sachen ja fortlegen. Sie nehmen wahrscheinlich gar zu gern die falschen und dann ist das Geschrei da. – Hans im Schriftstellern Konkurrenz zu machen, fehlt mir natürlich noch jede Zeit; daran kann ich noch garnicht denken! Hans soll mir aber öfter schreiben, was er verbricht. Vater wünsche ich zu seiner Tour alles Schöne und so gutes Wetter, wie wir es hier haben. Eine Karte möchte ich natürlich haben! – Ob ich ein Badecape gebrauche, kann ich noch nicht sagen, ich habe noch nicht gebadet. Ich erde wohl mit dem Tuch auskommen. Legt das Geld lieber zurück und schickt es mir alles zum Geburtstag. Ich möchte gern noch – bevor ich zurückkomme – etwas in London als paying-guest sein. Ich glaube da kann ich noch viel lernen!!! Mehr als hier!!! Wofür ich hier das Geld kriege, ist mir ja manchmal nicht klar! Dafür kann man sich schon einmal ärgern. Lotte Lüttje bat mich, nach dort zu kommen, aber ich weiß hier, was ich habe – falls ich nicht auch fliege – und dort nicht, was ich bekomme. Nun Schluß! Schreibt mir bitte recht oft!! An Wäsche usw. gebrauche ich nichts. Im Winterpaket mein altes Strickkleid. Altes ist hier im Hause am besten. Jetzt gibt’s tea, es ist 10h.

Herzlichste Grüße Eure Anneliese.

Hier nennt man mich “Anne” d. ist = “annö”!

Schickt mir doch bitte ab u. zu mal freie Postkarten im Brief, es ist hier so umständlich mit dem Einkaufen.

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