Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Do 09./Fr 10.06.1932, Brief von Anneliese an Walter: “5 Stunden und lauter kreischende Misses im Abteil”

Newby near Scarborough, June 9th, 1932.

Mein lieber Junge!

Weit genug bin ich ja nun von Dir fort! Du hast wohl inzwischen meine Karte aus London bekommen. Nun will ich Dir aber erst einmal der Reihe nach erzählen, wie es mir bisher ergangen ist. Nachdem der schwere Abschied in Schwelm überstanden war, Hans und Jutta mich bis Elberfeld gebracht hatten, fuhr ich per D-Zug nach M.-Gladbach, wo Leni mich erwartete. Wir haben den kurzen Aufenthalt gut verplaudert. Leni half mir noch in den Zug nach Vlissingen.

Dort hatte ich sehr nette Reisebegleitung; es war ein sehr netter, junger Mann, der die Strecke viel bereiste und mir deshalb aus dem ff. bei den Pass- u. Zollrevisionen und beim Koffertragen helfen konnte. (Er will mich aber nicht heiraten! (s. Maria)). Wir haben dann eine wunderschöne Überfahrt gehabt, es war sonnig und wunderbar ruhig; es war nur schade, daß Du nicht dabei sein konntest! In Harwich war dann das Anstehen zur Erlangung der Einreiseerlaubnis ziemlich langweilig; schließlich waren fast alle in Gnaden aufgenommen. Der ganze Zug war fast voll von Deutschen. Wir hatten solch ein nettes Abteil, lauter Rheinländer und es wurde tüchtig gelacht und nichts als deutsch gesprochen.

In London empfing mich Gerti und hinein ging’s in den Großstadttrubel. Es ist ja ein enormer Verkehr in dieser Riesenstadt, dagegen ist Berlin ein Waisenkind. Wir sind noch durch ein paar Geschäftsstraßen gegangen, haben uns schöne Läden angesehen und dann noch einige Zeit im “Picadilly Circus” [sic] (das ist ein Restaurant) bei schönster Musik gesessen. Dann sind wir endlos lange oben auf dem Bus nach Dulwich Village rausgefahren, wo ich bei Gerti geschlafen habe. Am nächsten Morgen bemühte ich mich vergeblich, die Dame des Hauses zu verstehen; ich glaube, sie bestand nur aus slang; und sie sprach so schnell!! Dann hat mir Gerti unendlich viel von London und seinen Sehenswürdigkeiten gezeigt: Westminster, Hyde-Park, Court of Justice, St Pauls etc. Per Zufall sah ich sogar den König, worum ich hier sehr beneidet werde!

Um 4h fuhr ich dann nordwärts, 5 Stunden und lauter kreischende Misses im Abteil. Die Züge fahren hier ungemein schnell, sodaß wir für dieselbe Strecke in Deutschland sicher 6 - 7 Std. rechnen müssen. Die Landschaft ist wunderschön. Ich habe wohl noch nie einen so schönen Badeort wie Scarborough gesehen. Mr. and Mrs. Thompson waren am Zuge, wir fuhren zu ihrem hübschen Häuschen. Es liegt an der Hauptstraße, die von Scarborough kommt und ist 10 Minuten Autobusfahrt von S. entfernt. Abends haben wir uns noch etwas unterhalten, was leidlich gut ging. Ihn kann ich besser verstehen als seine Frau und die Kinder; er ist ein typischer Engländer, höflich und salopp. Die junge Frau und 2 nice children sind jetzt zum tea in der Stadt, er arbeitet im Garten und ich sollte ja auch eigentlich was tun, wollte Dir aber erst schreiben. Heute morgen habe ich erst ausgepackt und bin dann mit Frau Dr. T. und den beiden Kindern am Strand und in den Anlagen gewesen. Das Land hier ist ziemlich bergisch und sehr reizvoll. Heute abend soll ich mit ins Theater, ob ich da wohl viel verstehe? Sie hat gern, wenn ich viel rede, selbst wenn ich noch so viele Fehler mache, dann lerne ich schneller sprechen und die Kinder unterhalten mich andauernd. Laß mal von Dir hören!!!

Deinen lb. Angehörigen viele liebe Grüße. Dir selbst recht herzl. Grüße und Küsse

Deine Anneliese.

June 10th, 1932.

Mein lieber Junge!

Gestern konnte ich den Brief leider nicht mehr fortbringen, da ich keine Marken und vor allem keine Zeit mehr hatte. Nun habe ich heute morgen Deinen lb. Brief bekommen und habe mich ganz schrecklich gefreut, einmal wieder etwas von Dir zu hören, mein lieber Junge. Und der Inhalt des Briefes hat mich ganz besonders erfreut; ich habe leider jetzt keine Zeit weiter darauf einzugehen, aber ich kann Dir sagen, daß ich – was das “Später” anbetrifft – nun wieder besten Mut und große Freude habe. Erzähl mir nur oft und viel von Dir; ich werde so oft schreiben, wie ich eben kann. Ich habe hier keine schwere Arbeit zu tun, bin aber immer beschäftigt; so zwei kleine Mädels machen Arbeit, obwohl sie großartig erzogen sind.

Was machst Du? Was das Silentium usw.?

1000 Grüße und Küsse

von Deiner Anneliese.

1 Kommentar

1 Mo 13.06.1932, Brief von Anneliese an Walter: “Ich werde hier überhaupt gut behandelt und viel über Hitler befragt” — 77jahre schrieb am 13.06.09 um 20:10 Uhr:

[...] mir so fix geantwortet hast. Du hast ja keine Ahnung, wie mich ein Brief von Dir hier erfreut!! Den letzten Brief, den Du inzwischen sicherlich bekommen hast, hatte ich schon einige Zeit in der Tasche, konnte aber [...]

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