Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mo 23.05.1932, Brief von Anneliese an Walter: “vielleicht ist dies mein letzter Sonntag in Deutschland”

Poststempel: 20-21 Uhr

Schwelm, den 23. V. 1932.

Mein lieber Junge!

Nun bin ich seit einigen Stunden wieder in Schwelm und habe schon tüchtig von meiner Fahrt erzählt. Es war ganz wunderschön, wir haben uns blendend verstanden und viel gesehen. Dir erzähle ich persönlich einmal mehr.

Der erste Gruß, der mir ins Haus geflattert kam, war ein Brief aus Scarborough – nö. von London an der Küste –, worin ich gebeten wurde, den Tag meiner Ankunft mitzuteilen. Ja, nun ist es so weit, mein Junge, und so schön es ist, daß ich nun hoffentlich viel lernen werde, so schwer wird mir der Abschied werden von zu Hause und ganz besonders von Dir. Aber ich tröste mich, ein halbes Jahr ist keine Ewigkeit; da muß man sich eben öfter einmal schreiben! Nun wollte ich Dich bitten, am Sonntag nach hier zu kommen – Samstag nachm. geht wohl noch nicht? –, denn vielleicht ist dies mein letzter Sonntag in Deutschland. Ich hoffe, daß Du es bestimmt möglich machen kannst, denn Abschied muß doch gefeiert werden. Seit gestern morgen ist nun Hans auch da; so wirst Du ihn gleich kennenlernen.

Für Deinen Brief und Deine Karte danke ich Dir sehr. Es ist so schön, auf einer Reise Post zu bekommen, ganz besonders von einem seinem lieben Jungen.

Nun habe ich noch eine Unmenge zu tun, soll Hans noch einiges tippen, muß gleich zum Englisch usw. Schreib mir doch bitte sofort, ob Du auch ja kommen kannst denn 1.) kann ich mich dann tüchtig freuen und 2.) muß jetzt – wo alles drängt – jeder Tag eingeteilt werden.

Bis dahin grüße ich Dich, Deine lb. Mutter und Gewschwister herzlichst. Meine Eltern und Hans lassen auch grüßen.

Mit der Aussicht auf ein frohes Wiedersehen am Sonntag und einem herzl. Kuß bin ich

Deine Anneliese.

Noch keine Kommentare

Noch keine Kommentare...

Schreib' doch den ersten!

Schreib einen Kommentar: