Mi 11.05.1932, Brief von Anneliese an Walter: “Das ist natürlich ein Risiko, denn man kennt die Familien nicht und hat keine Ahnung, wie man es dort trifft”
Poststempel: 13-14 Uhr
Schwelm, den 11. Mai 1932
Mein lieber Junge!
Pünktlich – lt. Auftrag – melde ich hierdurch meine glückliche Ankunft in Schwelm an. Seit Sonntag ist es hier ganz scheußlich kalt; wir haben schon Angst vor solchem Wanderwetter. Freitag soll nun die letzte Besprechung sein, worin bestimmt wird, was jeder einzelne mitzunehmen hat. Vorläufig sind wir uns noch nicht einig, ob wir mit Rucksack oder Koffer reisen, wir armen zivilisierten Menschen!
Montag haben wir bis 12h nachts Englisch gehabt. Herr Müller hat uns anhand unserer Kopfformen usw. gesagt, was für Eigenschaften, Fähigkeiten, Leiden usw. wir haben; man war allgemein geschlagen von seinem Wissen, manchem wurde ordentlich ungemütlich. Gestern in der französischen Stunde haben wir Frl. Almenröder durch unser Englisch-Französisch ab und zu in große Verlegenheit gebracht; die Verständigung erfolgte nach einigem Hin und Her dann unter großem Gelächter. Für nächstes Mal sollen wir ein Stück von dem Grimmschen Märchen “Der Däumling” übersetzen; das soll garnicht so einfach sein.
Heute mittag muß ich nach Elberfeld. Eine “Skikollegin” hat einige Adressen von engl. Familien, die gern eine Haustochter haben möchten. Ob da wohl etwas klappt? Das ist natürlich ein Risiko, denn man kennt die Familien nicht und hat keine Ahnung, wie man es dort trifft. Aber ½ Jahr geht ja auch mal rum!
Wie geht es nun in Bochum? Hat Euer Silentium Zuwachs bekommen, vielleicht auf Dein Schreiben hin? – Es war doch schon am letzten Sonntag, nicht wahr? Und mit dem Rauch-Versprechen hast Du mir eine große Freude gemacht, fällt das Einhalten arg schwer? Ich habe schon viel an Dich gedacht.
Nun wünsche ich Dir und Deinen lb. Angehörigen ein recht schönes, sonniges Pfingstfest [15.-16. Mai]. Dir selbst viele herzl. Grüße und Küsse
Deine Anneliese.
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