Mi 27.04.1932, Brief von Anneliese an Walter: “Ich habe das Empfinden, daß wir allerhand lernen werden.”
Poststempel: 22-23 Uhr
Schwelm, den 27. IV. 1932.
Mein lieber Junge!
Zunächst einmal meinen herzl. Glückwunsch zur Eröffnung Eures Silentiums. Ich habe mich sehr gefreut, daß sich – selbst sofort nach Schulbeginn – einige Schüler resp. deren Eltern entschlossen haben, von Eurer Einrichtung Gebrauch zu machen. Nun möchte ich Euch von Herzen wünschen, daß die Zahl der Teilnehmer immer mehr ansteigt; in größerem Umfange wird das ja wohl nach den Herbst- und Weihnachtsferien der Fall sein. Habt Ihr schon etwas von Münster gehört? Und was machen die Abendkurse? Du verstehst wohl, daß ich mich für alles dies brennend interessiere, darum schreib mir doch bitte bald (!) einmal etwas mehr über die Weiterentwicklung der Dinge. Ich habe vorläufig hier zu keinem etwas von Deinen Plänen und Unternehmungen gesagt, mit der Begründung, daß die Angelegenheit von Münster bisher noch nicht genehmigt und deshalb vorläufig nicht spruchreif sei. Die Sache mit den besetzten Samstagnachmittagen ist natürlich sehr traurig, aber als unabkömmliche Tatsache nur halb so schlimm.
Es ist auch schön, sich Sonntags zu treffen, findest Du nicht auch? Wie ist es denn in den Ferien, haltet Ihr da auch irgenwelche Kurse ab?
Nun willst Du sicher noch einiges von mir hören. Gestern war zum 1. Mal französischer Unterhaltungsabend, d. h. wir haben uns zum größten Teile von Frl. Almenröder – das ist die Lehrerin – unterhalten lassen, das sprudelte nur so wie ein Wasserfall und es dauerte eine ganze Weile, bis das Ohr sich an die Aussprache gewöhnte. Hinterher haben wir uns dann gestanden, daß wir doch herzlich wenig verstanden hatten, da die Dame sehr quecksilbrig ist; es ist ja ganz natürlich, daß wir ziemlich schwerfällig im Mitarbeiten waren, wo z. B. bei mir ein Zeitraum von 7 Jahren zu überbrücken ist in dem ich kaum einmal Französisch gehört habe. Den anderen geht es ganz ähnlich. Aber mit einigem guten Willen wird auch das besser werden. Wir haben eine Lektüre von Balzac. Ich habe das Empfinden, daß wir allerhand lernen werden. Der Club tagt im Konferenzzimmer des Realgymnasiums und wird alle 14 Tage Dienstags von 8 – ½ 10 h tagen zus.kommen. Nun suchen wir noch einige Mitglieder, aber das ist in Schwelm garnicht so leicht. Zu unserer aller Freude haben wir den zweiten Herrn für den englischen Unterhaltungsabend aufgetrieben. Dies ist ein Bekannter von mir, der im Winter vor 1 Jahr den engl. Kursus in Barmen mitmachte. Der freute sich nun sehr, als ich ihn zur Teilnahme einlud und ist gern bereit, uns allerhand über die Masdazman-Bewegung zu erzählen – natürlich auf englisch. – Wenn man doch nur etwas mehr Zeit hätte! Ich kann ja sonst nicht vertragen, wenn ein Mensch nie Zeit hat, aber für all das, was ich immer tun möchte, könnte der Tag mindestens doppelt so lang sein!! Morgen sollte eigentlich die Tennissaison beginnen, doch wird der Regen wohl etwas anderes beschlossen haben. Ich spiele mit Fräulein Lindemann und Frl. Albrecht, vielleicht machen Frl. Sturm und Eminy Grävingstorff auch noch mit. Ich freue mich sehr auf das Spielen und die Bewegung an der frischen Luft. Außerdem gehen wir jede Woche einmal zu Fuß in die Badeanatalt in Rittershausen und kommen auch zu Fuß zurück; wenn wir nun nicht jung und schön werden, dann weiß ich’s nicht!
Für die Pfingstferien haben wir große Pläne. Letzten Samstag war General-Versammlung bei mir. Frl. Lindemann, Jutta, noch eine Freundin und ich wollen Pfingstmontag an den Rhein fahren und in Koblenz in der Jugendherberge 8 Tage bleiben. Von dort aus wollen wir schöne Wanderungen machen. Hoffentlich ist das Wetter recht schön. Es wird ja wohl ziemlich überfüllt dort sein, aber das ist ja zu Pfingsten nun nicht anders und außerhalb der Ferien können die anderen nicht. Die Sache muß natürlich sehr billig werden, denn Geld haben wir alle nicht. Wir rechnen mit Fahrt (8,-) Unterkunft, Verpflegung, Ausweis (3,-), kurz mit allem RM 25,- höchstens. Das ist ja für 8 Tage nicht viel, aber es kommt doch noch manches Fahrgeld bei den Touren dazu, und dann wollen wir ja auch gerade keine Hungerkur durchmachen.
Frl. Pluquette ist wieder hier, es war ihr wohl nicht interessant genug in dem Sanatorium; es ist schlimm, wenn ein Mensch in jede Methode hineinschnüffelt und nirgends durchhält. Leni ist noch in M.-Gladbach.
Und nun, mein lieber Junge, habe ich ja mal wieder einen Roman geschrieben. Revanchiere Dich bald einmal! Inzwischen sende ich Dir und Deinen lb. Angehörigen herzl. Grüße – auch von den Eltern –
Deine Anneliese.
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