Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Fr 01.04.1932, Brief von Anneliese an Walter: “so wird’s wohl etwas stiller um mich werden”

Poststempel: 02.04., 7-8 Uhr

Schwelm, den 1. April 1932.

Mein lieber Junge!

Zunächst meinen herzl. Dank für Deinen lb. Ostergruß. Wir haben bei dem schönen Wetter tüchtig Spaziergänge an den Festtagen gemacht. Augenblicklich ist nun Schneiderei-Hochbetrieb bei uns, da gibt’s alle Hände voll zu tun. Nun, ich denke, Du wirst demnächst einmal Dein Ge- oder Missfallen persönlich äußern. Es macht doch viel Freude, wenn nach solch zahlreichen Anproben und so manchem Stich etwas Tragbares zustande kommt.

Das Buch sollst Du mir natürlich nicht besonders schicken, lies es nur in Ruhe zu Ende und dann bring es mir gelegentlich einmal mit; zudem darfst Du aber wirklich erst noch einmal zu uns kommen, Du weißt, dass wir uns über Deinen Besuch freuen und förmlich brauchen wir doch nun nicht zu werden!

Hans überraschte uns zu Ostern mit der unerfreulichen Nachricht, daß Maria an Blinddarmentzündung erkrankt sei und nun wartet das Mädel dort im Krankenhaus auf den geeigneten Augenblick zur Operation. Besondere Ruhe hat der Junge bei der Vorbereitung zur mündl. Prüfung nun gerade nicht. Löwe hat seine Arbeit sehr gelobt, kann aber zur Prüfung leider nicht nach Kiel kommen; so wird Colm wohl Stellvertreter sein.

Aus England habe ich noch immer nichts gehört. Gerti Fischer fährt nächste Woche als paying guest in einen Vorort von London; wir hätten gern die Reise zusammen gemacht. Nach den Ferien werden wir – aller Voraussicht nach – unseren engl. Club in einen französischen umwandeln. Eine “sehr nett sein sollende” Lehrerin vom hiesigen Lyzeum hat den Wunsch geäußert, mit einigen interessierten jungen Damen Conversation zu treiben; ob’s klappt ist eine andere Frage. Mir ist das lieb, denn so werden meine einrostenden Kenntnisse wohl etwas poliert werden.

Fräulein Pluquette will jetzt in ein Rohkost-Fasten-Krankenhaus an der Werra, um einmal bei dieser Methode Heilung zu suchen; ich glaube, es fehlt ihr am Willen gesund zu werden. Leni kommt zum Juli als Haustochter nach M.-Gladbach; so wird’s wohl etwas stiller um mich werden, doch es bleiben noch genug treue Geister hier.

- Zu Frau Muckis größtem Leidwesen ist jetzt bekannt geworden, daß im nächsten Schuljahre nur weibliche Referendare nach Schwelm kommen sollen. Es ist von höchster Stelle für eine Auffrischung ihrer Geisteskräfte gesorgt worden, damit sie im darauffolgenden Jahre umso freudiger und überlegter wieder ihre Heiratstaktiken befolgen kann. Soviel Rücksichtnahme hatte selbst Mucki von dem ihm so gewogenen Oberschulrat nicht erwartet … – Ist die Arbeit schon fertig? Über Arbeitslosigkeit darfst Du nicht klagen!

Recht herzl. Gruß Deine Anneliese.

Grüß bitte Deine Lieben herzl. von mir.

1 Kommentar

1 Mo 04.04.1932, Brief von Anneliese an Walter: “ich muß damit zufrieden sein und darf mich nicht ängstigen” — 77jahre schrieb am 04.04.09 um 17:11 Uhr:

[...] bekommen und danke Dir herzl. dafür. Inzwischen hast Du ja wohl auch meinen Gruß vom Freitag (die weiblichen Referendare muß ich auf Kosten des 1. April bedauernd zurücknehmen) erhalten und bist hoffentlich über mein [...]

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