Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Sa 05.03.1932, Brief von Anneliese an Walter: “Morgen wird Vater sich einmal an einen Herrn des englischen Postministeriums wenden”

Poststempel: 20-21 Uhr

Schwelm, den 5. III. 1932.

Mein lieber Junge!

Gerade bin ich von Barmen zurückgekommen und will Dir nun einen herzlichen Sonntagsgruß senden. Ich denke noch gern an den schönen Tag in Bochum, der leider wieder viel zu schnell zu Ende ging, zurück. Es ist doch recht angenehm zu denken, daß bis zu unserem nächsten Wiedersehen keine 6 Wochen verstreichen müssen!

Was machen denn die Mathematikstunden, klappt’s gut? Sei nur nicht zu fleißig, denn nach dem Examen hast Du wirklich Erholung verdient! Schade, daß ich kein Arzt bin, sonst sonst [sic] würde ich Dir mindestens 6 Wochen Schwelmer Landluft verordnen.

Hans schrieb uns, daß er am 1. 3. seine Arbeit abgegeben habe. Ich freue mich für den Jungen, jetzt wird es ihm doch etwas leichter zu Mute sein, wo dieser “Gigant” erst einmal überwunden ist. Eine rechte Freude über diesen Fortschritt wollte bei den Eltern doch nicht aufkommen, dafür ist eine gewisse Bitterkeit schon zu groß gezüchtet; ich hoffe jedoch, dass alles gut wird, wenn Hans sein Dr. Examen besteht, was ich ihm herzlich wünschen möchte.

Morgen wird Vater sich einmal an einen Herrn des englischen Postministeriums wenden - einen Bekannten von einem Berliner Kollegen von Vater - damit er in Kollegenkreisen einmal nach einer passenden Stelle für mich fragt. Sollte es auf diese Weise glücken, daß ich nach drüben käme, so wüsste ich wenigstens, in was für Kreise ich käme.

Montag ist dann der von uns allen gefürchtete “Turn-Nachmittags-Kaffee-Tanz-Tee”; eine ganze Reihe Mädels hat schon abgesagt und die anderen gehen zum großen Teil auch nur aus Rücksicht auf Frau Hornig hin; uns wäre allen jedenfalls lieber, wenn dies nur ein Damenkaffee wäre. Halt mal den Daumen, daß es wenigstens einigermaßen nett wird.

Kürzlich war Herr Pricking bei Lucken; er hat sein Examen bestanden. Franz Schrage soll auch im lieblichen Schwelm weilen. Wie hat Rudi denn im Examen abgeschnitten? Ich wünschte ihm ja, daß alles gut geklappt hätte! Du schreibst mir sicher bald einmal.

Gleich kommt Leni; ich soll ihr einen Brief aufsetzen, sie möchte gern als Haustochter nach Süddeutschland.

Grüß bitte Deine lb. Angehörigen recht herzlich von mir.

Dir selbst besonders herzliche Grüße

von Deiner Anneliese.

Meine Eltern lassen wie immer grüßen und Hans läßt gratulieren!

Noch keine Kommentare

Noch keine Kommentare...

Schreib' doch den ersten!

Schreib einen Kommentar: