Mo 15.02.1932, Brief von Anneliese an Walter: “heute abend war es herrlich, bei Mondschein über die frisch verschneiten Flächen zu gleiten”
Poststempel: Neuastenberg, 17.02., 11-12 Uhr
“Haus Sturmfried”, den 15. II. 1932.
Mein lieber Junge!
Gar behaglich ist’s hier in dem Wohnraum der Hütte. Ich sitze hier am Tisch und denke an meinen lb. Jungen, der sicherlich augenblicklich recht fleißig ist. Die beiden anderen - Gerti Fischer und Erika Schwarz aus Gevelsberg - liegen in Liegestühlen oder auf der Ofenbank an unserem lustig knisternden Feuer. Draußen heult der Wind in allen Tonarten. - Über die allerersten Anfänge des Skilaufens bin ich nun glücklich hinweg; man sagt mir nach, daß ich mich garnicht so sehr dumm angestellt hätte. - Der Entschluß, mit dem Sonderzug nach Winterberg zu fahren, kam sehr plötzlich. Wir hatten Sonnabend morgen gerade noch verabredet, in Schwelm ein wenig zu laufen, obwohl da herzlich wenig Schnee lag. Da kam nach dem Mittagessen Gerti angestürmt und sagte, daß der Wetterbericht im Radio gut gewesen sei und sie deshalb in Winterberg angerufen habe, ob die Hütte frei wäre. Da dies nun der Fall wäre, wollten wir um 4 h mit dem Sonderzuge fahren. Beladen mit einem dick vollgepackten Rucksack und unseren Skiern zogen wir dann zum Bahnhof und kamen um 7 h in Winterberg an. Unsere Hütte liegt noch ein gutes Teil höher - etwa 750 m -, da bin ich dann mit einem Schlitten heraufgefahren und die beiden anderen haben sich, auf Skiern stehend, hinten drangehängt. Eiskalt war’s, als wir hier ankamen, da hiess es erst schnell einmal einheizen. Die Kälte ist hier überhaupt der einzige Fehler, da wird selbst mir morgens das Aufstehen schwer! Wir bedienen und verpflegen uns hier ganz allein, aber lecker! Die Übungswiese ist sofort neben der Hütte, das ist recht günstig. Sonntag morgen habe ich dann die ersten Versuche gemacht; obwohl man so hässlich war mir zu prophezeien, daß ich am ersten Tage mindestens 25 - 200 x fallen müßte, bin ich bis heute abend erst 5 mal hingesegelt, und das tat garnicht weh. Gestern nachmittag machten wir dann bei herzlichstem Sonnenscheine einen etwa 1 1/2-stündigen Ski-Ausflug zum Asten-Turm. Auf diese Weise, wo ich einfach mittun mußte, habe ich gleich am ersten Tage allerhand gelernt. Heute morgen hat es tüchtig geschneit, da war das Laufen weniger angenehm. Aber heute abend war es herrlich, bei Mondschein über die frisch verschneiten Flächen zu gleiten. Morgen früh müssen wir nun putzen, denn morgen um 1/2 3 h kommen andere Gäste, die auch mit an der Hütte beteiligt sind. Da muß alles in tadelloser Ordnung abgegeben werden. Wir ziehen dann noch bis Mittwoch abend zu unserem Bauer hier, hoffentlich ist das Wetter auch weiterhin günstig. Die Winterlandschaft ist wunderschön und der Blick von hier oben einfach köstlich! Wir sind aber auch den ganzen Tag über fidel und singen ein Lied nach dem anderen.
Ich hoffe, daß ich beim Nachhausekommen einen Gruß von Dir vorfinde, darauf freue ich mich sehr. Ich wünsche Dir alles Gute und bin mit den herzl. Grüßen für Dich und Deine lieben Angehörigen
Deine Anneliese.
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