So 31.01.1932, Brief von Walter an Anneliese: “Der liebe Gott wird es so geschehen lassen, wie er es für mich bestimmt hat”
Bochum, den 31.1.32.
Mein liebes Kind!
Für Deine drei netten Briefe danke ich Dir recht herzlich und freue mich, daß Du mir häufiger etwas schreibst. So ein netter Gruß von meinem Baby erhöht natürlich die Arbeitslust und sorgt für gute Laune. Unsere Prüfungstermine sind jetzt bereits festgesetzt. Meine Prüfung findet am 27. Februar statt. Am 24. werden mir die Themen meiner beiden Probelektionen mitgeteilt. Am 23. muß ich also hinfahren. Der Prüfungsort ist die Oberrealschule in Münster. Die Prüfungskommission besteht aus 4 Schulmännern, einem Oberschulrat, 2 Oberstudiendirektoren und einem Oberstudienrat.
Die Prüfung zerfällt in 6 Teile: 2 Lehrproben, allgemeine Pädagogik, Methodik in den 3 Fächern. Angst habe ich nicht vor der Prüfung, aber ich hab noch viel zu tun, wenn es werden soll. Wenn alles gut geht, wird mir in einem Monat etwas anders zumute sein. Vorläufig habe ich noch guten Mut und frohe Laune. An Fleiß lasse ich es auch nicht fehlen. Wenn es dann nicht sein soll, läßt es sich eben nicht ändern. Der liebe Gott wird es so geschehen lassen, wie er es für mich bestimmt hat.
Ich habe in den letzten Tagen auch oft an das vergangene Jahr mit seinen Freuden zurückgedacht, besonders heute, wo gerade ein Jahr seit unserem ersten Zusammensein vorüber ist. Ich glaube, daß wir auch in späteren Jahren gern an den glücklichen Tag, der uns für immer zusammengeführt hat, denken werden mit einer gewissen Festesstimmung. Ich stelle zu meiner Freude fest, daß bisher noch kein böses Wort zwischen uns gefallen ist und unser Einvernehmen und unser Glück noch in keiner Weise getrübt worden ist. Ich kann mir sehr wohl denken, daß dieser Zustand auch immer so bleiben wird, auch wenn wir täglich zusammen sind und gemeinsam Alltagssorgen zu tragen haben. Das Leben läßt sich schon gehaltvoll und glücklich gestalten, wenn der Wille dazu vorliegt. An den notwendigen Dispositionen fehlt es bei uns beiden nach meiner Ansicht nicht.
Gestern abend hab ich meinem Bruder aus Rousseaus bewegtem Leben etwas vorgelesen. Ich dachte dabei, daß Du später auch mit mir manch’ schönes Buch lesen wirst. Um 1/2 3 Uhr bin ich gestern zu Bett gegangen und hab Dir in Gedanken ein Gute-Nachtküßchen auf den Mund gedrückt. Heute abend werden wir beide an uns denken und wie Kinder von der Zukunft träumen. Die Maiglöckchen liegen hier vor mir und erzählen mir viel Schönes und Liebes von Dir.
Verbringe den Abend recht nett und sei vielmals herzlichst gegrüßt und geküßt von Deinem Walter.
Viel Grüße an Deine lieben Eltern und Deinen Bruder nebst Anhang.
Viel Grüße auch von Mutter und Geschwistern.
Dies ist für eine lange Zeit der letzte Brief von Walter, der erhalten geblieben ist. Offenbar war Anneliese etwas nachlässiger beim Aufheben der Briefe als Walter.
Noch keine Kommentare
Schreib' doch den ersten!
Schreib einen Kommentar: