Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Sa 23.01.1932, Brief von Anneliese an Walter: “Ich möchte nun hier brieflich nicht näher auf das Gespräch eingehen”

Poststempel: 21-22 Uhr

Schwelm, den 23. I. 1932.

Mein lieber Junge!

Wie schade, daß es jetzt nicht 8 Tage früher ist, dann säßen wir jetzt im Auto und führen nach “Haus Hedt”. So kann ich aber nur hier sitzen und schriftlich ein wenig mit Dir plaudern. Zunächst danke ich Dir recht herzlich für Deinen lb. Brief, der mich durch sein frühzeitiges Erscheinen recht angenehm überraschte. Ich bin sehr zufrieden mit Dir, meinetwegen kannst Du das Examen bestehen! Und Du bist also fleißig, wie immer. Hat denn das Referat geklappt? Maria schrieb uns gestern, daß Hans recht angestrengt zu arbeiten habe und sehr schlecht aussähe. Als endgültigen Examensmonat hat Hans uns nun den März genannt. Hoffentlich haben “unsere beiden Jungens” bald alles glücklich überstanden.

Ich bin recht traurig, Mutter hat heute das kleine Püppchen, das Deine Tischkartenschleife so stolz trug, zu Tode gedrückt; da haben wir es denn in unserem Magen begraben. So kann ich Dir nun die farbenfrohe, unzerbrechliche Schleife schicken.

Frau Mucki habe ich noch nicht allein gesprochen, das ist auch gut, denn nach ihrem ganzen Benehmen in und nach der Turnstunde am Montag habe ich augenblicklich reichlich genug von ihr. Morgen früh werde ich mit Frl. Sturm und Leni hingehen und ihr eine Grammophonplatte – für die gehabte Mühe – und einige Blumen hinbringen. Wir haben eine von Marek Weber sehr fein gespielte große Schlagerpotpourriplatte “Für Alle” gewählt. Gerade spielt daraus eine feine Rumba “Ich hab Dich lieb braune Madonna“. Schade, daß Du nicht zuhören kannst, Du würdest bestimmt Spaß daran haben! Etwas Ernstes wollten wir nicht kaufen, das klingt auf dem Grammophon ja doch nicht.

Letzte Woche hat Mucki Leni allerlei über seine Ehe erzählt, was mich erschüttert hat.Das haben wir beiden auch nicht geahnt! Ich möchte nun hier brieflich nicht näher auf das Gespräch eingehen, davon erzähle ich Dir einmal bei unserem nächsten Zusammensein. Vielleicht hast Du selbst von Mucki allerhand gehört, jedenfalls wäre es wohl besser, er hätte zu Dir gesprochen, obwohl Lening [Leni?] auch nicht weiter darüber spricht.

Hoffentlich bringt Frl. Zimmermann Herrn Staumann wieder zur Vernunft, Pech kann jeder haben, aber das Nichtbestehen eines Examens ist doch schließlich kein Ehrverlust. Energisch genug scheint sie ja zu sein und ich hoffe doch nicht, daß das Dasein seiner Braut ganz ohne Einfluss auf ihn sein wird. Es täten mir sonst beide sehr leid.

Nun muß ich aufhören, denn ich male jetzt unaufhörlich; bis nächste Woche muß noch ein großes Kissen angefertigt werden. Bulli – das ist mein netter, roter Affe – läßt schön grüßen, dgl. meine Eltern, Hans, Maria, Trude Nacken u. Leni. Ich wünsche Dir guten Mut und recht viel Arbeitslust und bin mit den herzl. Grüßen auch für Deine lb. Angehörigen

Deine Anneliese.

Das Portemonnaie schicke ich Dir ein anderes Mal, ich habe heute nicht genug Marken hier und Vater doppelkoppt. Du kannst das viele Geld bis dahin ja in irgend ein anderes Behältnis sparen!
Herzl. Grüße und Küsse

Deine Anneliese.

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