Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Di 19.01.1932, Brief von Walter an Anneliese: “Gustav lebt seit der Zeit alkoholfrei”

Bochum, den 19.1.1932.

Mein liebes Kind!

Die Zeit bis zum Mittagessen will ich dazu benutzen, Dir kurz etwas zu schreiben. Wie immer, so bin ich auch am Sonntag gut in Bochum angekommen. Montag früh, als ich um 1/2 8 Uhr aufstand, dachte ich gleich an Dich. Du wirst wohl noch in süßer Ruh gelegen haben. Die beiden Tage in Schwelm waren wirklich nett. Im Laufe der Tage erlebt man die Einzelheiten alle noch einmal und kostet sie richtig aus. Zur Erinnerung an das schöne Fest wirst Du mir ja noch die individuelle Tischkarte zuschicken, die mir noch Freude machen wird. Frau Hornig wird sich sicherlich über manchen wichtigen Punkt unseres Lebens Gedanken machen und sie nach allen Koordinaten ausschlachten. Sie wird Dir die Extrakte ihrer Denkarbeit wohl demnächst unterbreiten, sodaß ich von Dir auch noch manches Interessante hören werde, Du wirst mir ja mal davon schreiben.

In der Schule geht alles seinen alten Gang weiter, aber umso mehr wird im Seminar gearbeitet. Das Üble ist nur, daß man uns auch jetzt noch keine Ruhe zum Arbeiten läßt; die Sitzungen steigen nach wie vor, als ob das bis nächstes Jahr so weiter gehen sollte. Morgen muß ich noch ein so dummes Referat in Physik halten über “Staatsbürgerliche Erziehung im Physikunterricht”. Eine Seite habe ich schon stehen, das andere kommt noch. Außerdem habe ich morgen noch eine Turnfachsitzung, der Nachmittag ist also hin. Das Wetter ist geradezu verlockend. Am liebsten möchte ich jetzt jeden Tag recht sorglos spazieren gehen, am liebsten natürlich mit meinem lieben Kinde. Von morgen ab wird fleißig für allgemeine Pädagogik gearbeitet.

Die Braut von Gustav Haumann ist seit Samstag in Bochum. Gustav lebt seit der Zeit alkoholfrei. Wenn seine Anne fort ist, wird er sich wieder mit seinen hübschen blonden Augen verloben. Anne hat sich gewundert, daß Du noch so jung aussiehst. Gustav war fast neidisch, als er seine Anne bei der Unterhaltung näher betrachtete. Ich bin natürlich stolz auf meine Anneliese, auch ohne Vergleich natürlich.

Mutter und Hedwig haben sich über das Buch sehr gefreut und werden es demnächst auch gelesen haben. Sie danken vielmals für die Freundlichkeit und lassen Euch alle herzlichst grüßen.

Laß bald wieder etwas von Dir hören und sei vielmals gegrüßt von

Deinem Walter

Viele freundlichen [sic] Grüße an Deine lieben Eltern.

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