So 10.01.1932, Brief von Anneliese an Walter: “Fehlt also nur noch der heißersehnte Schnee”
Poststempel: 11.01, 8-9 Uhr.
Schwelm, den 10. I. 32.
Mein lieber Junge!
So, nun ist die Arbeit fertig, jetzt kommt das Vergnügen. Ich habe nämlich gerade 42 Tischkarten geschnitten und geschrieben. Mutter hatte schon Angst, daß ich vergessen würde, Dir zu schreiben, als ob ich meinen Jungen vergessen könnte! Nun sind ja für Dich die schönen Tage des Ausruhens, die Du wirklich verdient hattest, leider vorüber, aber die Freude über “unsere” fertiggestellte Arbeit hält sicher noch an. Weißt Du, es war doch schön, als wir zusammen gearbeitet haben, findest Du nicht auch? So jeden Morgen zu wissen, gleich – oder später – kommt der Walter, ist doch ein zu nettes Gefühl! Nun, freuen wir uns auf die nächste Arbeit (aber nicht im Oktober)! Mucki hat sich kürzlich recht lobend über Deine Arbeit geäußert. Er hat mir auch sehr viel – vielleicht mehr als er verantworten kann – über die Verhältnisse in der Schule erzählt. Frau Mucki zeigt sich von ihrer allerbesten Seite, die “Vergnügungsausschuss-Sitzungen” führen uns jetzt häufig zusammen. Sie erkundigt sich jedes Mal lebhaft, ob Du auch ja kämst und droht, mir die nettesten Tischherren zu geben, wenn Du nicht erscheinen solltest; es ist zu nett, jedes Mal hat sie einen anderen und immer soll ich es Dir schreiben. Da habe ich ihr nun heute gesagt, daß das garkeinen Eindruck auf Dich machen würde, was sie nicht verstehen konnte und bis zum nächsten Male wieder vergessen wird. Ich hoffe ja nun fest, daß man in Bochum Einsehen mit Dir und mir haben wird, denn der Abend verspricht, sehr nett zu werden. Und vor allem würde ich mich freuen, Dich einmal wieder hier zu haben. Nun, Du siehst zu, was sich machen lässt und gibst mir Bescheid, so früh wie Du kannst, nicht wahr? Schlafen sollst Du bei Hornigs.
Die Enttäuschung, die Du an Herrn Schmidt erleben mußtest, hat mir recht leid für Dich getan; ich glaube, so etwas vergisst man einem Menschen, von dem man Interesse verlangen kann, nicht so leicht. Immerhin ist er – wie Du sagtest – bisher wohl kaum in einer ähnlichen Situation gewesen, was sein Nichtmitfühlen ein ganz klein wenig entschuldigt; vielleicht eröffnet sich hier seinem ungeheuren Temperament ein lohnendes Wirkungsfeld.
Hier ist inzwischen ein fabelhafter Skianzug für mich entstanden, Vater konstatierte: “Lausbub!” Fehlt also nur noch der heißersehnte Schnee.
In Elberfeld bei Schulz bin ich nicht gewesen, und Harald hat sich schriftlich von uns verabschiedet, was auch zweifellos für beide Teile besser war. Ich denke, wenn er nächstes Mal kommt, wird sein Benehmen mir gegenüber – hoffentlich – zurückhaltender sein. Vielleicht findet er auch inzwischen ein nettes Mädel, denn Harald kann nicht allein sein.
Hans schreibt kaum etwas von der Arbeit, desto mehr von Maria. Von Arbeit schreiben, ist ja vielleicht auch schwer, doch werden die Eltern immer besorgter. Hoffentlich geht sein Studium bald zu Ende.
So, dieser Brief braucht nicht – wie der gestern – um 1/2 10 h in den Kasten. Wenn Du kannst, schreib mir doch bald einmal wieder. Dir und Deinen lb. Angehörigen recht herzl. Grüße von den Eltern und von Deiner Anneliese.
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