Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mi 06.01.1932, Brief von Walter an Anneliese: “Der feine Herr ist nämlich gewöhnt, daß ihm alles Wissenswerte mitgeteilt wird”

Bochum den 6. Januar 32.

Mein liebes Kind!

Es ist ja nicht gerade schön, daß ich erst jetzt schreibe, aber ich habe umso mehr gedacht. Morgens gegen 11 Uhr landete meine Arbeit bei Schilling. Als ich aus dem Hause war, fühlte ich mich dann so richtig frei. Bei uns zu Hause ist seitdem auch eine recht gute und frohe Laune eingekehrt. Die letzten 3 Tage habe ich so bis kurz vor mittag in aller Gemütsruhe und den herrlichsten Träumen geschlafen. Mutter hat mich auch garnicht geweckt. Aber ab morgen hört die faule Tour wieder auf, denn Walter muß wieder fleißig sein. Wie ich Dir schon sagte, ist Herbert Sonntag aus Frankfurt für einige Tage hier. Er hat mich für gestern nachmittag eingeladen. Die für ihn übliche Bierreihe ist mir so gut bekommen, daß ich mich um 10 Uhr schon zu Bett gelegt habe. Heute hat Willi Schmidt Geburtstag, er ist jetzt 27 Jahre. So etwas Alkohol gärt davon noch in meinen Niederlanden. [?] Die kleine Müdigkeit soll mich aber nicht daran hindern, an meinen lieben “armen Kerl” zu schreiben. Es war doch zu schön in Schwelm, besonders am letzten Abend, die richtige Reaktion auf die viele Arbeit. In dem Augenblick hätte ich mein Kind mit dem sonnigen Gemüt nicht entbehren mögen. Bei Willi Schmidt habe ich von reiner Freude nichts gemerkt. Er hat sich lediglich nach der Länge der Arbeit erkundigt. Ich habe mich auch nicht veranlaßt gefühlt, auf sein Schweigen von selbst mehr zu erzählen, denn wenn jemand an so etwas kein Interesse hat, soll man ihn nicht damit langweilen und sich lieber über belanglose Dinge unterhalten. Es soll mir nicht der Vorwurf erwachsen, als ob daß sich unsere Unterhaltung nur um meine Belange dreht. Es hat ihn scheinbar geärgert, daß ich über meine Arbeit nie mit ihm gesprochen habe, daß es auch ohne sein väterliches Ohr geht. Am Montag nachmittag war ich bei Dr. Hempel. Der hatte wirkliche Mitfreude. Wir waren bis zum Abend zusammen. Wir brachten auch inzwischen die ganzen Durchschläge, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, zum Buchbinder. Anschließend gingen wir zu einem kleinen Kaffeehaus, wo ich noch nie gewesen war. Zufälligerweise war Willi Schmidt mit seinem Mädel dort. Wir setzten uns an einen anderen Tisch, um ihn nicht zu stören. Als ich ihn dann kurz begrüßte, fragte er mich nach dem Zweck meiner Mappe. Er wollte mich zum Erzählen veranlassen, aber ich bin auf seine Taktik nicht eingegangen. Der feine Herr ist nämlich gewöhnt, daß ihm alles Wissenswerte mitgeteilt wird, ohne daß er besonders danach fragt. Mein Interesse an seiner Arbeit wird jetzt natürlich auch immer größer. Demnächst werde [ich] ihn darum bitten, mich in die Literatur zu seiner Arbeit vertiefen zu dürfen und ihm Vorschläge zur Gestaltung seines Themas unterbreiten, um sie seiner erlauchten Kritik unterziehen zu lassen.

Hoffentlich hat Du Dich von den Strapazen der vorigen Woche wieder hinreichend erholt. Mir geht es jetzt wieder ausgezeichnet. Ich danke Dir noch vielmals für Deine viele Mühe und Deinen lieben Eltern ebenfalls und bin mit den herzlichsten Grüßen und Küssen, erstere auch von Mutter u. Geschwistern, Dein treuer Walter.

Viele freundl. Grüße an Deine lieben Eltern.

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