Fr 25.12.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Es ist ja auch nicht schön, wenn man Montags dann so verkatert ist”
Poststempel: 26.12., 9-10 Uhr.
Der Brief ist mit Schreibmaschine geschrieben.
Schwelm, den 25. Dez. 1931.
Mein lieber Junge!
Da staunst Du wohl, dass ich Dir heute – am lieben Weihnachtstage – schon einmal wieder schreibe; ich bitte herzlichst die Störung zu entschuldigen, ich schreibe nur zu Uebungszwecken. Aber trotzdem möchte ich mich schon heute recht herzlich bedanken für Dein liebes Weihnachtspaket. Du hast mir eine sehr grosse Freude gemacht; die Platte ist so ganz nach meinem Geschmack und ich habe sie schon tüchtig spielen lassen. Und wenn Du erst hier bist und wir “Pause” haben, dann hören wir sie uns einmal zusammen an, und das ist dann noch viel schöner. Denk Dir mal Walter, als Dein Paket gestern morgen kam, wollte Mutter es mir nur eben von aussen zeigen und dann fortlegen; das konnte ich natürlich nicht zugeben und da habe ich sie so lange gequält, bis ich mir den Brief herausnehmen durfte. Die Platte kam dann allerdings erst unter dem brennenden Weihnachtsbaum zutage. Da gabs überhaupt allerhand zu gucken, aber davon verrate ich nichts, das kannst Du Dir alles selber angucken.
Du hast Dich sicher nicht ganz so behaglich der Weihnachtsstimmung hingeben können; nächsten Weihnachten wird’s sicherlich besser werden. Es tut mir ja leid, dass Du selbst an den Festtagen arbeiten musst, aber schimpfen nutzt da nichts.
Gestern war ich bei Ibings und habe ein wenig Weihnachtsmann gespielt. Da habe ich dann auch gleich gefragt, ob Du die Tage dort schlafen könntest. Ibings freuen sich schon auf Dein Kommen, was ich ihnen ja schliesslich auch garnicht verdenken kann. Ich nehme an, dass Du auch dieses Mal wieder bei Ibings schlafen wolltest; Du hattest nichts darüber geschrieben.
Nackens fragen schon wochenlang, wann Du denn endlich einmal nach hier kämst, sie wollen uns gern einladen und hätten Dich gern dabei. Heute nachmittag waren sie nach dem Kaffee ein Stündchen bei uns und baten sehr, wir sollten doch Sonntag kommen, Du könntest doch einen Tag eher herüberkommen. Ich habe ihnen gesagt, dass ich Dir ja garkeinen Bescheid mehr geben könnte resp. bis Sonntag keine Rückantwort hier haben könnte. Du schriebst ja, Du habest noch zu arbeiten und da dachte ich, Dir wäre es so lieber. Es ist ja auch nicht schön, wenn man Montags dann so verkatert ist – denn die Abende bei Nackens sind immer etwas ausgedehnt – und arbeiten soll. Ich habe auch ganz offen gelassen, ob wir in der Woche einen Abend Zeit hätten, zudem kann auch Herr Nacken dann schlecht, da er vor Jahresschluss immer eine Menge zu tun hat. Frau Nacken hat auch Schneeschuhe bekommen, da wollen wir dann einmal gelegentlich zusammen unser Heil versuchen. Ob wir wohl mehr liegen oder stehen werden? Vorläufig taut es hier scheusslich, das ist garkein Weihnachtswetter. Morgen werde ich morgens einige der üblichen Weihnachtsbesuche machen – wie schade, dass ich nicht auch einmal eben bei Galkas vorsprechen kann – und abends sind wir nach Elberfeld zu meiner Tante eingeladen. Es war ja doch etwas einsam ohne unseren Jungen, besonders am heiligen Abend, aber es war doch recht schön.
Hans hat abends mit Maria zusammen gefeiert, das muss auch recht schön gewesen sein. Maria wollte gleich wenn sie bei Professor Colms [sic] fertig war zu Hans gehen; Mutter hatte in dem Futterpaket gleich alles doppelt geschickt, es wog nur 14 Pfund!
Und nun, mein lieber Walter, freue ich mich ganz schrecklich auf Montag. Da Du nichts anderes geschrieben hast, nehme ich an, dass Du mit dem Zuge wie gewöhnlich kommst. Dann musst Du mir recht viel erzählen. Nun will ich aber auch Schluss machen, denn ich bin sehr müde.
Recht herzliche Grüsse für Dich und Deine lieben Angehörigen; und bis auf ein frohes Wiedersehen am Montag bin ich
Deine Anneliese.
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