Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mi 23.12.1931, Brief von Anneliese an Walter: “man sollte eigentlich einen Menschen garnicht so gern haben”

Mein lieber Junge!

Nun sitze ich schon einmal wieder hier – diesmal neben dem köstlich duftenden Weihnachtsbaum – und schreibe Dir, nur bin ich heute wirklich böse auf Dich. Sieh, ich weiß ja, daß Du viel Arbeit hast, viel zu viel als man eigentlich überhaupt und besonders vor Weihnachten haben sollte, aber ich hätte doch gedacht, daß Du mir in 2 1/2 Wochen einmal einen ganz kurzen Gruß geschickt hättest. Ich hoffe natürlich, daß es Dir gut geht und Du nicht etwa krank bist; ich mache mir natürlich Sorge, und wenn ich mir auch zehnmal sage, die viele Arbeit wird der Grund Deines Stillschweigens sein, so macht die Ungewißheit doch unruhig. Ich weiß ja, daß Deine Arbeit recht schwer und umfangreich ist, und sicherlich gibt es auch zuweilen Momente, wo es fast zu schwer erscheint, das Thema in so kurzer Zeit zu bewältigen. Daß Du dann keine Lust und Zeit hast, lange Epistel zu schreiben, verstehe ich ja, aber in Zukunft schreibst Du mir mal schnell einen Gruß mit der Versicherung, daß es Dir gut geht, und dann kann ich auch ruhig sein, nicht wahr? Man sollte eigentlich einen Menschen garnicht so gern haben, dann bräuchte man sich auch nicht so zu sorgen!

Und nun will ich mit der Meckerei aufhören, dies soll doch halt ein Weihnachtsbrief werden. Uns wird ja unser Junge recht fehlen, doch wird jeder versuchen, es dem anderen so nett wie möglich zu machen; und am schönsten wird das Mutter können, die doch durch Hansens Fernsein am meisten getroffen wird. Mir fehlst Du natürlich sehr und ich werde wohl recht viel nach Bochum an meinen lb. Jungen denken, wenn am Weihnachtsabend die Lichter brennen. Hoffentlich bist Du so weit mit der Arbeit fertig, daß Du auch in Ruhe die Festtage genießen kannst. Ich glaube, Deine lb. Mutter kann Euch das Weihnachtsfest auch recht festlich und gemütlich machen.

Vor einiger Zeit sprachst Du einmal den Wunsch aus, einen Füllfederhalter zu haben; ich hoffe nun, Dir mit diesem hier eine kleine Freude machen zu können. Falls Dir nun die Feder nicht passt, oder Du schon sonst einen bekommen hast, kann ich ihn hier jederzeit umtauschen. Du mußt ihn dann nur mitbringen, wenn Du kommst. Wann das sein wird, schreibst Du mir sicher auch; ich hoffe doch, zu Weihnachten einen Brief von Dir zu bekommen!

Gestern war Harald den ganzen Tag bei uns; ich soll Dir einen schönen Gruß von ihm bestellen, dgl. von Leni.

Das Logenfest am Samstag war recht schön; das Klavierstück hat allerdings nicht so gut geklappt wie bei den Proben. Ich selbst schenke mir eine komplette Skiausrüstung, fehlt nur genügend Schnee, dann kann ich mich blamieren.

Deiner lb. Mutter u. Deinen Geschwistern wünsche ich ein recht frohes Weihnachtsfest; Dir selbst natürlich ebenfalls und noch viele herzl. Grüße und Küsse.

Deine Anneliese.

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