Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Do 10.12.1931, Brief von Anneliese an Walter: “was tut man nicht alles für die lieben Mitmenschen”

Poststempel: 11-12 Uhr

Schwelm, den 10. XII. 1931.

Mein lieber Junge!

Eigentlich solltest Du schon heute einen Brief von mir dort haben, aber leider kam ich gestern nicht dazu und das kam so: nachmittags zum Kaffee war ich bei Leni eingeladen, wo wir uns bei netter Weihnachtsstimmung allerhand schöne Sachen erzählt haben. Als ich gegen 1/2 8 h nach Hause kam, fand ich Gerti Fischer vor, die mich ungeheuer quälte, doch am Freitag nachmittag im Logenkränzchen mit ihr vierhändig zu spielen. Nun, abschlagen ging schlecht und da habe ich eben erst etwas alleine geübt, bin dann zu ihr gegangen und erst gegen 1/2 1 h nach Hause gekommen. Wir spielen die Lustspiel-Ouvertüre von Keler Béla. Kennst Du die? Heute morgen wollen wir dann vor Frau Nackens kritischen Ohren spielen. Halt mir am Freitag nur den Daumen, damit es gut gelingt. Am Samstag in 8 Tagen ist dann Logen-Tempelfeier und anschließend gemütl. Beisammensein. Dann werde ich mit Gerti voraussichtlich Mozarts “kleine Nachtmusik” spielen. Zudem hat man mich dazu auserkoren, einen von Herrn Steude noch zu dichtenden Prolog zu sprechen. Ich habe etwas ähnliches dort schon einmal verbrochen und das hat allen so gut gefallen; ich verstehe das ja nicht, ich finde, andre [sic] könnten das viel besser. Aber was tut man nicht alles für die lieben Mitmenschen! Du siehst also, eine recht bewegte Zeit liegt vor mir, womit ich allerdings nicht sagen will, daß die vorhergehende viel ruhiger gewesen wäre. Mittwoch haben wir wieder Theater und zwar die “Zauberflöte“. Das letzte Treffen ist mit dem Tennisclub ist besser verlaufen, als ich gefürchtet hatte. Mein liebes Fritzchen Hockelmann grüßt mich zwar nicht mehr, was mich – wie Du dir denken kannst – natürlich unendlich traurig macht. Die anderen grüßen höflich (Felix), begrüßten gar zum Teil (seine Schwester, Frau Förster) teils mehr teils weniger herzlich. Leni und besonders ich waren freundlich, aber eisig kühl. Ich glaube, daß ihnen das garnicht gepasst hat, denn ich selbst hatte das Gefühl als ob sie die Besiegten und wir die Sieger wären. Nun hat Felix neulich Leni getroffen und ihr gesagt, (da Leni große Eile hatte) wenn sie sich einmal wieder träfen, wollten sie sich mal aussprechen.

So, nun habe ich schon viel zu viel von mir erzählt. Wie geht es Dir? Klappt die Arbeit? Daß Du vor Weihnachten viel zu tun hattest, habe ich mir schon gedacht. Freuen wir uns also auf das Wiedersehen nach dem Fest!!

Nun muß ich aber Schluß machen, Gerti übt nebenan schon fleißig und nun wollen wir schnell noch einmal zusammen spielen. Du bist nicht böse, nicht wahr? Schreib mir auch bald einmal, wie es mit der Arbeit steht und wie es Dir geht.

Dir und den Deinen herzl. Gruß von Deiner Anneliese.

Für Deinen lb. Brief danke ich herzlichst.

1 Kommentar

1 77jahre - Mi 23.12.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Du feierst tüchtig für mich mit” schrieb am 23.12.08 um 11:17 Uhr:

[...] ist wirklich nett von Dir, daß Du mir schon 2 mal geschrieben hast. [Brief 1, Brief 2] Leider komme ich jetzt zu kaum etwas anderem als zu meiner Arbeit. Gestern hat es Gott [...]

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