Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Di 01.12.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Na, bald ist ja auch dieses Jahr geschafft”

Poststempel: 20-21 Uhr

Schwelm, den 1. Dezember 31.

Mein lieber Junge!

Nun ist es schon fast 7h abends und ich habe zum ersten Male einen kleinen Augenblick Zeit, um Dir zu schreiben. Wir haben nämlich die Schneiderin und zudem noch die Handwerker im Hause, und da gibt’s eben alle Hände voll zu tun. Aber das schadet nichts, bei der Arbeit kann man so schön denken, z. B. an den letzten Sonntag in Bochum, der so sehr nett war. Es war eben so recht winterlich gemütlich und zudem ist es ja keine Kunst, sich bei Euch zu Hause wohl zu fühlen. Die Rückfahrt ist diesmal auch programmäßig verlaufen. Der ominöse Zug fährt übrigens um 2135 von Bochum Nord ab; es war da ein Fehler in unserem Fahrplan. Mutter holte mich hier am Bahnhof ab und wäre auch wohl böse gewesen, wenn sie vergeblich hätte warten müssen.

Du sitzt nun sicher fest an der Arbeit, denn, wie ich mich entsinne, ist Dienstag wohl der schlimmste Tag. Na, bald ist ja auch dieses Jahr geschafft.

Gestern beim Turnen ist nun der 16. I. als der passende Tag für unser “Jungmühle-Fest” anerkannt worden. Ich, als das treueste Wesen im Turnclub – frei nach Frau Mucki – soll mir nun über allerhand Überraschungen und sonstigen Unsinn den Kopf zerbrechen. Nun, ich werde Vorschläge machen und Frau Mucki wird tun, was sie für richtig findet. Aber vertragen werden wir uns doch! Sie hat sich gestern ganz besorgt nach meinem Besuch und den empfangenen Eindrücken erkundigt, kann nun aber nach meinen Aussagen wieder ruhig schlafen.

Morgen ist nun Konzert-Abend, ich freue mich sehr darauf. Donnerstag will ich nach Elberfeld und eine Schulfreundin besuchen, die ich schon seit April nicht mehr sah. Da ich noch allerhand zu besorgen habe, will ich des Mittags zu Schulz gehen und einmal nachsehen, wie es Herrn Schulz geht. Freitag ist dann Theatervorstellung, wo ich auch meine lb. Tennis-”freunde” wiedersehen werde. Nun, darüber werde ich Dir dann auch einmal berichten.

Nun will ich aber schnell aufhören, denn ich wollte mir heute abend den engl. Club hier einmal anhören und -sehen. Vielleicht wird dann auch mein “Mertnen” [?] mal aus der Dir wohlbekannten Ecke genommen.

Nun laß es Dir recht gut gehen, schreib tüchtig an der Arbeit und wenn Du dann mal Zeit hast, kannst Du auch einmal nach hier denken, willst Du?

Deinen lb. Angehörigen und Dir selbst recht herzl. Grüße auch von meinen Eltern

Deine Anneliese

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