Mo 23.11.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Mutter freut sich, wenn ich abends zu Hause bleibe”
Bochum, d. 23.11.31.
Mein liebes Kind!
Als ich heute abend nach Hause kam, war es eine recht angenehmen [sic] Überraschung für mich, Deinen lieben Brief vorzufinden. Gestern habe ich schon mal den Briefkasten inspiziert und heute morgen natürlich auch. So etwas enttäuscht und mich auf den nächsten Tag freuend, bin ich dann zur Schule gezogen. Aber Anneliese ist lieb, sie läßt nicht allzu lange warten. Es ist recht erfreulich, daß Du nun am Sonntag nach Bochum kommst, daß nichts anderes dazwischen fällt. “Es wird gehn ein Frauen durch das ganze Land” hat Gustav Baumann, dem ich die frohe Botschaft verkündete, gesagt. Du wirst ihn am Sonntag wahrscheinlich persönlich kennen lernen.
Gestern war Willi Goyert, mit dem ich vor dem Staatsexamen zusammen gearbeitet habe, bei uns. Er wohnt in Oberhausen und kommt ab und zu mal nach Bochum. An Arbeiten war da natürlich nicht mehr zu denken. Wir haben so etwas Betrinken gespielt. Hinterher war ich von dem Verlauf des Abends wenig befriedigt, da ich für heute garnicht präpariert war, aber es hat auch so geklappt. Heute hat sich ein Schüler (Stunde 5 M[ark]) abgemeldet. Sein Bruder ist jetzt wieder zu Hause und soll ihn unterrichten. Ich bin von dieser Neuigkeit wenig erfreut, aber mit so etwas muß man immer rechnen. – Soeben waren Schmidt und Hempel hier und wollten mich abholen; ich bin aber nicht mitgegangen, da ich etwas arbeiten und an mein Baby schreiben wollte. Mutter freut sich, wenn ich abends zu Hause bleibe. Später schimpft Anneliese, wenn ich abends nicht brav zu Hause bleibe.
Für Leni tut es mir auch leid. Sie ist zu heißblütig, um sich an einen männerlosen Zustand gewöhnen zu können. Es ist wirklich schade, daß sie solches Pech hat. – Wenn das Examen Deines Bruders im Januar klappt, dann soll man mit dem Ergebnis doch zufrieden sein. Es liegt ja nicht nur an ihm, daß es so lange dauert. Ihm wäre es sicher auch lieber, wenn er vor Weihnachten fertig wäre und mit Euch feiern könnte. Angenehm stelle ich mir den Zustand gerade nicht vor. Ich bin ja ungefähr in derselben Situation und vertraue auf meinen guten Stern. Bis zum Sonntag werde ich mir keine Kopfschmerzen um die Zukunft machen. Die freudige Erwartung auf das baldige Zusammensein mit Dir ist viel schöner und reizvoller. Wenn ich gleich zu Bett gehe, werde ich mit dem Gedanken an Dich sanft hinüberschlummern.
Mit vielen Grüßen und Küssen bin ich
Dein Walter.
Viele Grüße an Deine lieben Eltern. Mutter und Geschwister lassen Dich herzlichst grüßen und freuen sich auf Deinen Besuch.
Ich hole Dich natürlich von der Bahn ab und hoffe, daß Du gutes Wetter mitbringst.
Wenn Dein Auge freundlich
In das meine blickt,
Fühlt sich meine Seele
Allem Leid entrückt.
Und es lacht das Leben
Mich so freundlich an,
Und des Himmels Pforten
Sind mir aufgetan.
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[...] kurzen Gruß freuen und vielleicht auch darauf warten. Und dann wollte ich Dir für Deinen lb. Brief und das schöne Gedicht recht herzl. danken. Heute regnet es hier tüchtig, hoffentlich wird es bis [...]
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