Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 22.11.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Hunger nach Frohsinn und lachendem Leben”

Poststempel: 23-24 Uhr

Schwelm, den 22.11.1931.

Mein lieber Junge!

Das war aber eine nette Überraschung, als ich so schnell einen Brief von Dir bekam; hab recht herzl. Dank dafür sowie auch für die lb. Einladung. Daß wir uns schon so bald wiedersehen werden, klingt fast wie ein Märchen, aber ein recht schönes. Nun habe ich einen recht schönen Zug herausgesucht, der fährt um 824 hier ab und ist um 847 in Hagen; weiter gehts um 913 und Ankunft in Bochum Hbf. 957. Ist es recht so, oder ist das zu früh? Sonst finde ich die Zeit recht nett, denn dann werde ich selbst in dieser dunkelen [sic] Jahreszeit hier bei hellem abfahren. Wirst Du mich wieder an derselben Stelle erwarten? Ich freue mich schon sehr auf das Wiedersehen.

Als Dein Brief ankam, hatten wir Mutter gerade vom Bahnhof abgeholt. Trotz aller Wiedersehensfreude habe ich Deinen Gruß aber doch erst einmal schnell gelesen. Mutter freut sich nun sehr, daß sie wieder zu Hause ist, und Vater und ich freuen uns mit. Nun gibts in der nächsten Woche noch allerhand zu tun, damit die geerbten Sachen gesäubert und untergebracht werden. Zudem mache ich in letzter Woche Samstag und nächste Woche Mittwoch und Samstag morgen einen Backkursus von Dr. Oetker mit. Das ist recht interessant, man kann immer noch eine Menge dort lernen. Leni und Frau Mucki sind auch dort. Die arme Leni hat Weltschmerz, ihr Freund hat ihr geschrieben, daß sie sich in den nächsten Ferien nicht wiedersehen wollen. Sie hat nun immer gewußt, daß es einmal so kommen würde und doch trifft es sie schwer, denn sie hat den Jungen recht lieb gehabt. Nun versuche ich zuweilen, sie ein wenig abzulenken oder lasse mir von ihrem Kummer erzählen, denn immer ablenken tut auch nicht gut. Schade, ich gönnte dem Mädel ein wenig mehr Glück; durch die Verhältnisse zu Hause hat Leni solch großen Hunger nach Frohsinn und lachendem Leben. Wie gut habe ich es doch dagegen.

Ich habe mich so sehr gefreut, daß Deine Probelektion so gut bewertet worden ist, dann macht die Arbeit auch sicher doppelt soviel Freude, nicht wahr?

Von Hans bekamen wir weniger gute Nachricht. Mit seiner Arbeit und dem Fortschritt ist er zwar recht zufrieden, doch wird das mündliche Examen erst im Januar steigen, der Professor kommt nicht eher herüber und er selbst wird wohl auch kaum eher fertig sein. Es tut mir für die Eltern – besonders für Vater – recht leid. Hans wird auch wohl nicht zum Weihnachtsfest herüber kommen, und dann wird die Freude nur halb so groß sein. Maria ist als sozialistische Helferin bei Professor Colm [Uni Kiel, Wikipedia] untergekommen.

Du schreibst mir wohl bitte noch einmal? Deiner lb. Mutter sag bitte recht herzl. Dank für die Einladung und ich freue mich, einmal wieder dort sein zu können. Deinen lb. Angehörigen und Dir selbst recht herzl. Grüße von den Eltern und von Deiner Anneliese.

2 Kommentare

1 77jahre - Fr 25.12.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Es ist ja auch nicht schön, wenn man Montags dann so verkatert ist” schrieb am 25.12.08 um 19:37 Uhr:

[...] Maria zusammen gefeiert, das muss auch recht schön gewesen sein. Maria wollte gleich wenn sie bei Professor Colms [sic] fertig war zu Hans gehen; Mutter hatte in dem Futterpaket gleich alles doppelt geschickt, es [...]

2 Fr 01.04.1932, Brief von Anneliese an Walter: “so wird’s wohl etwas stiller um mich werden” — 77jahre schrieb am 01.04.09 um 20:22 Uhr:

[...] Löwe hat seine Arbeit sehr gelobt, kann aber zur Prüfung leider nicht nach Kiel kommen; so wird Colm wohl Stellvertreter [...]

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