Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mi 18.11.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Anderseits ist die Gefahr nicht zu verkennen, die ein Mädel mit sich bringt”

Bochum, den 18.11.31.

Mein liebes Kind!

Diesmal will ich mal etwas früher als sonst von mir hören lassen. Am Montag hat sich bei mir die erste Sehnsucht eingestellt, als ich morgens erwachte. Ich hatte einen so schönen Traum, daß es mir reichlich komisch vorkam, als Du beim Erwachen nicht mehr bei mir warst. Der Sonntag war doch wirklich schön, nur zu kurz. Die Melodien aus dem weißen Rößl spuken noch immer in meinem Kopf, und zwischendurch legt mein süßes Baby ihre Hand auf meine Schulter und sagt mir, daß auch sie mich lieb hat. Es tut mir fast leid, daß ich Dir so etwas wehe getan habe mit meiner dummen Vermutung. Aber es war auch nicht böse gemeint und enthielt auch kein Mißtrauen; das weiß Du ja. [sic] Bei den Männern geht der Verstand manchmal über das Gefühl hinaus, und dadurch kann man verletzen, ohne es zu wollen. Vielleicht erneuert das die Liebe später, jetzt ist das noch nicht nötig. – Diesmal möchte ich aber nicht so lange warten auf ein freudiges Wiedersehn. Voriges Mal hat es entschieden zu lange gedauert. Hoffentlich kannst Du es einrichten, uns Sonntag in einer Woche zu besuchen. Ich freue mich schon sehr darauf. Du hast dann Deinen gelinden Zorn auf mich ganz vergessen, nicht wahr? Mutter, Karl und Hedwig freuen sich auch schon auf Deinen Besuch, wie es auch nicht anders zu erwarten ist. Wenn ich mal abends spät nach Hause gekommen bin, dann droht Mutter immer damit, es Dir zu erzählen. Sie traut Dir jedenfalls eine große Erziehungskraft zu.

Der Montag ist ganz gut verlaufen. Studienrat Kohlmann machte mir die erfreuliche Mitteilung, daß meine Lektion mit 2+ beurteilt worden sei. Mehr wird im allgemeinen nicht gegeben, aber ich bin restlos zufrieden mit dem Ergebnis. Als ich am Montag nachmittag bei Kohlmann war, holte er gleich zwei Krüge Wein herauf, um den Spaß zu begießen. Ich habe so das Gefühl, als ob Du ein ganzes Teil zu dem Erfolg beigetragen hast, denn es spornt doch an, wenn man jemanden auf der Welt weiß, der Freud und Leid mit einem teilt und einen lieb hat.

Heute war ich mit Schmidt und dessen Mädel zusammen. Die Richtige für ihn ist sie noch nicht. Vielleicht findet er bald diejenige, die ihn ganz ausfüllt und ihm die rechte Arbeitslust gibt. Für das Entstehen seiner Dr-Arbeit könnte es von Vorteil sein. Anderseits ist die Gefahr nicht zu verkennen, die ein Mädel mit sich bringt, wenn sie am selben Ort wohnt und jeden Tag mit ihm zusammen sein will. Bei uns ist das Entgegengesetzte der Fall: Wir wohnen zu weit auseinander. Ich glaube aber, daß es meine Arbeit nicht beeinträchtigen würde, wenn Du in Bochum wohntest. Ich kann mir vorstellen, wie energisch unser Kind sagen würde: Nein, morgen sehen wir uns nicht, morgen mußt Du arbeiten! – Morgen früh muß ich in der ersten Stunde turnen und will für heute schließen, es ist auch schon 12 Uhr. Deine Mutter wird ja diese Woche auch wiederkommen und sich freuen, daß ihr Kind schon den Haushalt so gut versehen kann.

Schreib recht bald wieder, bleib hübsch gesund und frohen Gemütes und sei herzlichst gegrüßt und geküßt von

Deinem Walter.

Viele Grüße von Mutter und Geschwistern. Viele Grüße an Deine lb. Eltern.

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