Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Sa 07.11.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Meine Schuld liegt ja nun darin, daß ich nicht offen von Dir gesprochen habe”

Poststempel: 15-16 Uhr

Schwelm, den 7. November 1931.

Mein lieber Junge, wie lieb von Dir, mir sofort zu antworten, hab recht vielen Dank. Auch ich wäre ja gern morgen zu Euch gekommen, doch mag ich Vater nicht gern einen ganzen Sonntag lang allein lassen. Lieber wäre es mir natürlich auch, wenn Du schon morgen hier sein könntest, doch dafür ist es ja nun zu spät. Aber auf das Wiedersehen am nächsten Sonntag (15.11.) freue ich mich schon tüchtig, ich werde dann alles gut vorbereiten, damit ich auch recht viel bei meinem lieben Jungen sein kann und nicht immer in der Küche zu kochen brauche. Für den Nachmittag habe ich 2 Theaterkarten bestellt, ich hoffe, daß Du Dir auch gern einmal “Im weißen Rössl” ansiehst. Ich erwarte Dich also mit dem bekannten Zuge kurz nach 1/2 9 h in Schwelm.

Und nun laß bitte mal die Sorge um mich sein! Jetzt, wo alles schon weiter zurückliegt, sieht es sich schon garnicht mehr so schlimm an. Vielleicht hätte ich besser garnichts geschrieben, sondern beim nächsten Zusammensein alles erzählt. Aber wiederum hatte ich solch große Sehnsucht nach Dir und der Wunsch, mit Dir zu sprechen, war so groß, daß ich eben zur Feder griff; und es ist fast, als ob ich dadurch, daß ich Dir ein gutes Teil Sorge abgab, viel ruhiger geworden wäre. Und nun zur Tatsache: Deine Vermutungen waren recht, Felix hatte sich sogar große Hoffnungen gemacht. Ich danke Dir nun für Deine Aussage, daß auch Du – nach meinen Reden – glaubst, ich habe ihm keine Veranlassung zu irgendwelchen Hoffnungen gegeben. Felix fühlte jedoch seine Neigung erwidert und macht mir nun Vorwürfe. Wie er zu diese Annahme kommen kann, ist mir völlig rätselhaft. Ich sagte ihm auch, daß da wohl der Wunsch etwas zu sehen und gewisse Äußerungen und Handlungen zu überhören bzw. -sehen massgebend [sic] gewesen sei. Meine Schuld liegt ja nun darin, daß ich nicht offen von Dir gesprochen habe, sondern nur hin und wieder bei passenden Gelegenheiten Anspielungen habe fallen lassen. Ich hatte jedoch ganz fest angenommen, daß Felix – ebenso wie ganz Schwelm – über Dein Vorhandensein und Deine Wichtigkeit unterrichtet gewesen wäre. Zudem habe ich Felix Aufmerksamkeiten ja auch nie ganz ernst genommen und mich ihm gegenüber immer so verhalten, daß ich mir darüber keinen Vorwurf mache. Daß man aber noch nicht einmal harmlos nett und freundlich zu seinen Tennispartnern sein darf, ist doch traurig. – Nun lese ich ja aus Deinen Worten, daß ich überhaupt in solche Schwierigkeiten geraten könne, einen gelinden Vorwurf heraus; Du mußt aber bedenken, ich war hier der umworbene Teil und konnte mich höchstens ablehnend verhalten, was ich ja doch auch bei allem – was über die Grenze einer harmlosen Tennisfreundschaft ging – getan habe. Ich sagte ihm, er solle mich in Ruhe lassen, schlug ihm ab ins Kino u. zum Tölleturm usw. zu gehen. Aber hier ist wohl einmal wieder der Fall, daß F. es garnicht für möglich hielt, abgewiesen zu werden. Und in einem hast Du mich wohl nicht recht verstanden; es tut mir ja nicht so leid, daß ich nun den Umgang mit F. und der ganzen Tennisgesellschaft verliere, ich habe doch da weit besseres, wenn ich nur an meinen geliebten Jungen in Bochum denke; so sehr sehr nahe ist mir nun nur gegangen, daß gerade ich es sein mußte, die Felix soviel Kummer bereitet hat und vielleicht – wie er sagte – damit entscheidend für sein ganzes weiteres Leben gewesen bin. Und gerade weil ich ja leicht über das alles wegkommen kann, weil ich Dich habe, deshalb kam ich mir so schlecht vor, weil ich Felix nun so – wenn auch ungewollt und ungewußt – zum Leiden verholfen habe. Wie weit nun bei ihm die Schuld liegt, wird er später auch einmal einsehen. Vorläufig spricht z. T. auch die gekränkte Familie aus ihm, und auf die kann ich nun keine Rücksicht nehmen.

Ich hoffe nun, mein lieber Walter, daß Du solch einen kleinen Überblick über das Geschehnis bekommen hast. Sonntag werden wir uns ja dann darüber weiter aussprechen. Und Sorge sollst Du Dir nicht mehr machen, ich selbst stehe fast über der ganzen Sache, wenigstens treffen mich die Verleumdungen “lieber Freunde” nicht im geringsten. Und Du bist mir nicht böse, daß ich all diese dummen Sorgen auf Dich abgewälzt habe, nicht wahr?

Für Deine Arbeit wünsche ich Dir weiter ein recht gutes Gelingen! Ich freue mich so, daß Du auch sonst gut abgeschnitten hast.

Heute abend kommt Leni zu mir und hilft mir zum Lachen zurück. Vater ist dann zur Loge. Leni hat in dieser Zeit in meinen Augen sehr gewonnen, sie war immer für mich da und auch bereit, etwas für mich zu tuen [sic]; meist versagt ja da die Freundschaft.

Bis zum nächsten Sonntag werde ich also wieder ganz normal und fröhlich werden. Schreibst Du mir noch einmal? Dir u. Deinen lb. Angehörigen recht herzl. Grüße, auch von meinem Vater.

Mit den herzlichsten Grüßen und Küssen bin ich

Deine Anneliese.

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