Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Fr 06.11.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Es handelt sich um Untersuchungen der Säfte der Zitronen “

Bochum, den 6.11.31.

Meine liebe kleine Anneliese!

Ich habe schon recht schmerzlich auf einen Brief von Dir gewartet. Ich dachte schon, daß Du krank seist und wollte heute morgen schon einen Brief schreiben, aber da schellte es gerade, und der langersehnte Brief war da. Wir hätten Dich gern kommenden Sonntag hier bei uns gehabt, aber schade, daß es Dir nicht möglich ist. Am liebsten möchte ich am Sonntag schon kommen, Zeit dazu habe ich, aber vielleicht ist es Dir zu überraschend oder Du hast Dir etwas anderes vorgenommen. Ich komme aber dann bestimmt Sonntag in einer Woche, denn es kommt mir schon unendlich lange vor, daß wir uns gesehen haben. Es tut mir wirklich leid, daß Du jetzt in seelischer Degression lebst. Aus dem, was Du mir bisher über Felix erzählt hast, f kann ich kein klares Bild der Situation gewinnen. Nach Deinen kurzen Andeutungen in Deinem heutigen Briefe muß ich annehmen, daß Felix in gehegten Hoffnungen enttäuscht worden ist. Meiner Meinung nach hast Du ihm keine Veranlassung dazu gegeben, auf Dich zu rechnen. Aber ich möchte hier keine Theorie der möglichen Fälle entwickeln, da ich ja den Tatbestand nicht kenne. Wenn wir wieder zusammen sind, läßt sich ja etwas derartiges viel besser besprechen. Es beunruhigt mich jedenfalls, Dich mit Sorgen und Zweifeln zu wissen, die ich Dir vielleicht leichter machen könnte. Deshalb wäre mir eine etwas nähere Ausführung des Falles im Augenblick lieber. Daß Dir die Aussprache mit Harald nahe gehen würde, habe ich schon vorher vermutet, aber daß Felix eine solche Bedeutung haben würde, überrascht mich geradezu. Ich glaube nicht, daß ich jemals in eine solche Schwierigkeit kommen könnte, da ich mich mit ganz bewußter Einstellung dem weiblichen Geschlecht gegenüber verhalte. Falls wir uns übermorgen nicht sehen sollten, dann schreib mir doch etwas Genaueres, mir wird es sicherlich eine Beruhigung sein. Der Trauerfall wird auch dazu beitragen, tiefere Lebensbetrachtungen aufzustellen.

Meine Arbeit steckt noch in den Anfängen, aber ich habe einige sehr interessanten neuen Versuche angestellt [sic], die mich zu weiteren Forschungen angeregt haben. Es handelt sich um Untersuchungen der Säfte der Zitronen. Der Privatstundenbetrieb gedeiht jetzt gut. Auch mit den Erfolgen der übrigen Arbeiten bin ich zufrieden. Wie Du siehst, geht es mir ganz gut, bis auf etwas Sehnsucht nach meinem lieben Kinde und die Sorgen, die ich mir um es mache. Fasse mal etwas heiteren Sinn und lasse möglichst bald von Dir hören.

Mit den herzlichsten Grüßen und Küssen bin ich

Dein treuer Walter

Meine Mutter und Geschwister lassen vielmals grüßen.

Viele Grüße an Deinen Vater.

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