Do 05.11.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Es ist ja eigentlich schlecht von mir, Dir hier so trübsinnig zu schreiben”
Poststempel: 15-16 Uhr
Schwelm, den 5. Nov. 1931.
Mein lieber Junge!
Wenn Du doch jetzt ein Stündchen hier sein könntest! Zwar würde Dir meine Stimmung wohl nicht gerade zusagen, aber ich hätte Dich so nötig. Als ich Deinen lb. Brief [Dieser Brief von Walter ist nicht erhalten.] heute um 7 h aus dem Kasten nahm, kam ich gerade vom Tennisfest nach Hause. Eigentlich sollte man ja nun annehmen, wenn ein Fest bis nach 6 h ausgedehnt worden ist, dann ist es schön gewesen; ja, das mag für die anderen vielleicht auch stimmen, für mich aber nicht! Ich möchte nun hier nicht weiter darauf eingehen, das Thema ist für einen Brief nicht geeignet; ich sage Dir nur das eine Wort: “Felix” und Du wirst ahnen, was das bedeutet. Wenn mir nun auch die Episode “Harald” wirklich nicht leicht geworden ist, so war’s doch eine Kleinigkeit gegenüber dem letzt geschehenen. Ich möchte nur einmal wissen, warum ich auf der Welt bin, wo ich immer wieder neuen Menschen Unglück bringen muss! Hoffentlich ist es nur möglich, wenigstens den einen Menschen, den ich lieb habe, wirklich glücklich zu machen. Du brauchst Dir nun keine Sorge zu machen, ich komme schon darüber hinweg, nur würde ich natürlich gern einmal mit Dir sprechen.
Ich spiele hier nun schon viele Tage lange Hausfrau, das ist gut, das gibt viel Arbeit. Meine Großmutter in Hannover, die schon fast 91 Jahre alt war, ist plötzlich gestorben, und da sind Vater und Mutter zur Beerdigung rübergefahren. Vater ist dann schnell wieder zurückgekommen, während Mutter noch einige Zeit in Hannover und Hildesheim bleiben will. Da kann ich nun die nächsten Sonntage leider noch nicht nach Bochum kommen. Aber wie wär’s, mein lieber Junge, möchtest Du nicht Sonntag in 8 Tagen zu uns kommen? Wenn Du nun aber zu arbeiten hast, dann muss es eben auch so gehen. Nur möchte ich Dich bitten – und zwar ganz herzlich – mir doch bis zum Sonntag oder Montag Bescheid zu geben, willst Du wohl?
Es ist ja eigentlich schlecht von mir, Dir hier so trübsinnig zu schreiben, wo Du zwischen Deiner Arbeit solch ein wenig Frohsinn so gut gebrauchen könntest, hoffentlich bist Du mir nicht böse darum! Wie klappt denn die große Arbeit? Hast Du schon einiges daran schreiben können? Nun, es wird ja garnicht mehr so lange dauern, und dann werde ich sie tippen, denn bis Weihnachten ist garnicht mehr lange.
Daß Dir mein Bild gefallen hat, freut mich sehr; es wird auch in kleiner Ausführung hier immer bewundert.
Und nun, mein lieber Walter, will ich aufhören, es kommt doch nichts Vernünftiges zustande. Grüß bitte Deine lb. Angehörigen recht herzlich von mir.
Dir selbst viele liebe Grüße und Küsse
Deine Anneliese.
Vater lässt auch herzl. grüßen.
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