Do 29.10.1931, Brief von Walter an Anneliese: “So freudig und voller Erwartung bin ich lange nicht mehr aus dem Bett gesprungen”
Bochum, den 29.10.31.
Mein liebes Kind!
Soeben habe ich auf der Unterprima eine Turnstunde verzapft und habe jetzt eine Springstunde, die ich benutzen will, Dir für Deinen lieben Brief, über den ich mich richtig gefreut habe, herzlichst zu danken. [Der Brief von Anneliese ist nicht erhalten.] Ich sitze hier in einem kleinen Raum neben dem Chemiezimmer. Hier steht alles voll Chemie, also eine ganz vertraute Umgebung. Nebenan werden Lichtbilder vorgeführt, ich kann den Unterricht ganz genau verfolgen. Stud.Rat Rodde erzählt gerade von der Sonnenbahn, der “Westeuropäischen Zeit”, von Amerika usw. Da steigen so manche alten Erinnerungen an die schöne Schulzeit auf, als man noch selbst Schüler war. So etwas Zigarrenqualm gibt der ganzen Stimmung noch die richtige Gemütlichkeit. Heute vor einer Woche war ja gerade Dein Geburtstag. Da habe ich natürlich dauernd an Schwelm gedacht. Ich freue mich, daß der Tag so nett verlaufen ist mit den vielen kleinen Überraschungen. Der Tölleturm ist für solche Gelegenheiten ganz geeignet. Felix hat sicher auch seine Glückwünsche dargebracht?
Als Dein Brief Sonntag früh hier eintraf, lag ich natürlich noch in süßer Ruh. Mutter sagte mir, daß ein Brief von Anneliese da sei und wahrscheinlich sogar mit einer Photographie, ich solle aber erst aufstehen. So freudig und voller Erwartung bin ich lange nicht mehr aus dem Bett gesprungen. Daß Du mich derart überraschen würdest, habe ich natürlich nicht geahnt. Der Sonntag ist mir so recht sonnig dadurch geworden. Mutter und Geschwister waren auch in sichtlich bester Stimmung. Mutter freut sich schon auf Deinen nächsten Besuch. Du bist ja nun nicht mehr fremd bei uns, da wird es dann noch viel netter als das vorige Mal.
Mein Thema für die Assessorarbeit ist genehmigt worden. Es kann also jetzt losgehen. Nebenbei lese ich jetzt Kerschensteiner: Wesen und Wert des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Das Buch hat 270 Seiten. Die Hälfte habe ich seit Sonntag schon gelesen. Morgen will ich endgültig mit meiner Arbeit beginnen. Über die Anlage bin ich mir noch nicht ganz klar, es ist in meinem Kopf noch wirr und kraus. In 14 Tagen muß jedenfalls schon etwas Brauchbares formuliert sein. Annelieses Bild wird mir schon immer neuen Mut und Schaffensfreude dabei spenden. Die Nachmittage sind meist durch Sitzungen und Privatstunden besetzt. In den Springstunden morgens in der Schule kann man wenig tun, da die Störungen ziemlich groß sind.
Gestern abend wird Schmidt von Frankfurt zurückgekommen sein. Wahrscheinlich gehe ich nachher mal vorbei. Hoffentlich hat er ein anständiges Thema für seine Dr.Arbeit bekommen, sodaß er wieder etwas mehr Lebensmut hat als vor seiner Abfahrt. Ich glaube, daß ihm ein Mädel fehlt, welches ihn richtig ausfüllt. Aber in der glücklichen Lage wie Franz und ich sind eben nur wenige. Dr. Hempel schreibt fleißig Artikel für verschiedene Zeitungen und ist dabei guter Dinge.
Laß es Dir auf dem Tennisfest recht gut gefallen und sei mit vielen Grüßen, auch von Mutter und Geschwistern, herzlich geküßt
von Deinem treuen Walter.
Viele Grüße an Deine lieben Eltern.
1 Kommentar
Zigarrengenuss im Chemikalienlager. Na, der hat Nerven.
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