Mi 21.10.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Wenn man alles wüßte, wäre das Leben relativ sinnlos, denn man hätte nichts mehr zu erwarten”
Anneliese wird am 22.10.1931 23 Jahre alt. Dem Brief ist eine kleine Geburtstagskarte beigelegt:
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstage.
Walter
Bochum, den 21.10.31.
Mein liebes Kind!
Zunächst einmal gratuliere ich Dir von ganzem Herzen zu Deinem Geburtstage und wünsche Dir für Dein ferneres Leben alles Glück der Welt. Möge ein guter Engel über Dir wachen und Rosen auf Deinen Lebensweg streuen. Für mich bedeutet dieser Tag etwas ganz Besonderes. Vor 23 Jahren ist Deine Präexistenz zur vollen Existenz geworden, würde Plato sagen. Von Deiner Präexistenz hätte ich wahrscheinlich nie etwas gemerkt und somit hätte sie mich auch niemals beglücken können. Es ist ja überhaupt so etwas eigenartig um die Existenz. Manchmal habe ich mich schon nach dem Wesen und tieferen Grund des Seienden gefragt. Aber je mehr man darüber nachdenkt, umso schwieriger und verwickelter wird das Problem. Aber darin liegt vielleicht gerade das Gute. Wenn man alles wüßte, wäre das Leben relativ sinnlos, denn man hätte nichts mehr zu erwarten.
Bei älteren Leuten wird beim Geburtstag meist bedauert, daß schon wieder ein Jahr in dem ewigen Einerlei verlaufen ist, ohne besondere Erlebnisse. Derartige Gedanken können bei Dir ja noch nicht auftreten in Deinem jugendlichen Alter. Im letzten Jahre hast Du doch sicherlich so manch freudiges und abwechslungsreiches Ereignis durchlebt. Das Angenehme möge alles an Deinem Geiste vorüberziehen, das Unerfreuliche sollst Du ganz pflichtgemäß vergessen. Die Autofahrt, der Abend nach dem Exbummel an der Haustür und ähnliches mehr wird natürlich behalten.
Ich bin wirklich neugierig, wie sich bemerkbar macht, daß Du ein Jahr älter geworden [b]ist. So etwas habe ich bei Dir ja noch nicht mitgemacht. Man kann ja nicht wissen, was mit einer derartigen Neuerung in dem Köpfchen unseres lieben Babys vor sich geht. Hoffentlich werden die Veränderungen zu keinen Klagen Anlaß geben. Mittel und Wege dagegen muß ich meinem Scha(r)fsinn überlassen. Am liebsten würde ich natürlich morgen bei Dir sein und an der fröhlichen Stimmung teilnehmen, aber morgen früh um 7 Uhr, wenn Mutter mich weckt, werde ich meinem lieben Kinde in Gedanken einen zarten Kuß auf den Mund drücken und Dich in meine Arme schließen. So etwas Sehnsucht habe ich schon wieder seit Sonntag. Wenn wir wieder zusammen sind, wollen wir alles Theoretische in die Praxis umsetzen. Ich wünsche Dir einen recht netten Verlauf Deines Geburtstages, bleib hübsch lieb und brav und sei vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von
Deinem treuen Walter.
Entschuldige bitte, daß ich so etwas durcheinander geschrieben habe. Aber hier im Zimmer sitzen noch Mutter, Hedwig und Karl, da kann ich mich nicht konzentrieren. In unserer Küche ist nämlich der Ofen ausgeklebt worden und muß erst trocknen, bevor er wieder in Betrieb gesetzt werden kann.
Heute nachmittag hatten wir von 4-7 Uhr Sitzung, anschließend hatte ich noch eine Privatstunde. Gleich gehe ich noch zur Bahn, damit der Brief morgen früh auch bei Anneliese ist.

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