Di 13.10.1931, Brief von Anneliese an Walter: “ob Du wohl überhaupt solch ein Opfer wert bist?”
Poststempel: 14.10., 9-10 Uhr
Mein lieber Junge! Wie bin ich doch – genau wie Frau Mucki – so froh, daß Du genügend Arbeit hast, da brauche ich ja garnicht zu befürchten, daß Du etwa auf dumme Gedanken kommen könntest! Aber nun wird ja bis heute schon ein guter Teil davon geschafft sein, und hoffentlich hat alles recht schön geklappt. Man soll Dich aber bis Samstag nicht mehr allzu sehr überlasten, denn ich habe Frau Hornig fest versprochen, gute Laune mitzubringen, und das kann ich ja nur, wenn Du mich nicht zu sehr ärgerst. Unsere lb. Frau Mucki ist zu nett in ihrer Sorge um ein gutes Gelingen des Festtages, und Mucki selbst strahlst schon heute vor Vorfreude. Nun, ich gestehe auch, daß ich mich tüchtig auf Samstag freue, aber denk mir nicht etwa auf Dich, nein, auf all die netten neuen Referendare; ich hoffe, daß Du mir das glaubst, Walter! Von Frau Hornig einen schönen Gruß, und das Zimmer wäre fertig für Dich, nachdem gestern Dr. Petro aus Berlin wieder abgereist wäre.
Wenn Du nun meinst, Dein netter Brief hätte mich beim Einfallen in den Briefkasten geweckt, bist Du schwer im Irrtum. Ich war nämlich schon um 1 h nach Hause gekommen, und das kam so: Wir wollen doch von unserem Tennisfest recht viel haben, und darum wollen wir auch die Vorfreude recht tüchtig genießen und haben das Fest auf den 31. Okt. verlegt. Samstag war nämlich Theatervorstellung “Weekend im Paradies” vom Bühnenvolksbund aus, und da wir zu 7 Mann dort abonniert sind, mußte das Fest wohl oder übel verschoben werden. Dafür haben wir aber anschließend an die Theatervorstellung in der Tanzdiele des Wuppertaler Hof in Barmen einige nette Stunden verlebt. Schade nur, daß Du nicht auch ein wenig dabei sein konntest! Es ist doch nur gut, daß wenigstens einer von uns beiden so fleißig ist, denn ich schäme mich jetzt manchmal, soviel Vergnügen habe ich in letzter Zeit. Doch ich denke, es wird schon noch anders kommen, und dann habe ich diese nette Zeit erst einmal gehabt! – In diesem schönen, warmen Herbstwetter wird natürlich noch eifrig Tennis gespielt, hoffentlich ist es morgen früh wieder so nett sonnig. Morgen abend gehe ich dann mit Frau Nacken hier ins Konzert, es kommen eine Sängerin aus Berlin und eine Klavierkünstlerin aus Köln, hoffentlich wird es schön werden. Am Donnerstag wollen Mutter und ich den ganzen Tag nach Elberfeld, Besorgungen machen und Bekannte besuchen, u. a. auch Schulz. Da werde ich dann abends wohl mit meiner Tante ins “Thalia”-Theater gehen, hoffentlich läuft ein netter Film. Letzte Woche waren “wir vom Tennisclub” in “Bomben auf Monte Carlo“, da gab’s blendende Aufnahmen und herrliche Schlager. Am Freitag werde ich dann hier zu Hause zu arbeiten haben und im übrigen nicht weiter unsolide sein, damit ich nur ja am Samstag nicht müde bin. Ich werde sogar am Samstag morgen auf das Tennisspielen verzichten, ob Du wohl überhaupt solch ein Opfer wert bist? Was meinst Du?
Das mit der leeren Kasse ist ja schrecklich tragisch, ich glaube, das ist eine verflixt ansteckende Krankheit unserer Zeit, doch “’s wird besser geh’n, ’s wird besser geh’n, die Welt ist rund und muss sich dreh’n”, sagt – glaube ich – Busch, und das [sic] ist ein kluger Mann!
Und was nun die große Arbeit angelangt, so werden wir die mitsamt den komischen Worten schon fertig bringen; wie klappt denn die Arbeitsgemeinschaft? Darüber erzählst Du mir wohl Samstag? Falls wir nichts mehr von Dir hören, erwarten wir Dich mit dem Zuge, den Du letztes mal benutztest, aber dann iß bitte nicht erst zu Hause, das geht hier viel besser!
Geht es Deiner lb. Mutter eigentlich gesundheitlich besser? Grüße sie doch bitte recht herzl. von mir, dergl. Deine Geschwister und Dich selbst von Deiner Anneliese.
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