Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Sa 10.10.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Wenn ich daran denke, daß in einem halben Jahre alles vorbei sein soll, wird mir ganz komisch”

Bochum, den 10. Okt. 31.

Mein liebes Kind!

Du wirst bei Empfang meines Briefes wohl noch in süßer Ruh liegen und die schönen Erinnerungen an das Tennisfest im Traume durch Dein Köpfchen jagen lassen. Da erscheinen dann all die netten und frohen, vielleicht auch betrübten Gesichter von Felix und wie sie alle heißen mögen, vielleicht hast Du auch mich mit hineinbezogen. Und nun erwacht mein Baby aus diesem Schlummer, reibt sich die Augen und liest diese bescheidene Lektüre. Der schreibfaule Bengel! Man sollte böse auf ihn sein, nicht wahr? Aber nächste Woche um diese Zeit ist er in Schwelm, da läßt sich alles “mündlich” erledigen.

Die annonzierte Lehrprobe ist leider am Dienstag nicht gestiegen, da wir an diesem Tage Reichsjugendwettkämpfe von der Schule aus hatten. Sie ist deshalb auf kommenden Dienstag verlegt worden. Am Mittwoch habe ich in der Turnfachsitung ein Referat gehalten. Am Dienstag war “Allgemeine Turnfachsitzung” an der sämtliche Referendare teilnehmen müssen. Das Protokoll habe ich übernommen in der Hoffnung, an einem Referat vorbeizukommen aber das ist mir nicht geglückt. Am Montag ist wieder Allgemeine Sitzung, wo ich über Möglichkeiten und Grenzen im Turnbetrieb der Schule, speziell volkstümliche Übungen, reden soll. Eine Physiklektion steht auch noch in aller nächster Nähe. Ich sitze also die folgenden Tage ziemlich im Druck, aber freue mich schon umsomehr auf nächsten Samstag. Hoffentlich bist Du Deine Erkältung dann ganz los, denn ohne eine solche ist es doch schöner, es herrscht bessere Laune. Außerdem brauchen wir nächstes Mal nicht zu arbeiten, das kommt erst wieder vor Weihnachten, wahrscheinlich aber in etwas größerem Umfange und mit so komischen Wörtern wie bei der Landheimarbeit. Aber Anneliese ist lieb und wird es trotzdem gern tun.

Heute morgen habe ich das Thema für meine Prüfungsarbeit eingereicht. Es heißt: “Vertiefende Behandlung der organischen Chemie auf Grund von eigener Erfahrungen in einer Arbeitsgemeinschaft der Oberprima des Reformrealgymnasiums in Bochum”. Das Thema mußte erst von 3 Leuten genehmigt werden. Bevor ich die Unterschriften zusammen hatte, war ein Tag herum. Wenn ich daran denke, daß in einem halben Jahre alles vorbei sein soll, wird mir ganz komisch. Etwas Glück gehört sicher dazu. Wenn ich durchfallen sollte, ist eben auch nichts daran zu ändern, vielleicht klappt es dann beim zweiten Mal. Es wäre ganz schön, wenn man so einen leisen Blick in die Zukunft schauen tun könnte. In meiner Kasse sieht es jetzt ziemlich mau aus, da ich seit den Ferien noch keinen Privatschüler gehabt habe, aber das kommt wieder in allernächster Zeit.

Frau Mucki hat jetzt reichlich genug Arbeit, wenn sie die Verhältnisse und weise Zuordnung der Paare für Samstag genau durchdenken will. Vielleicht gelingt es ihr, noch ein Paar für das ewige Glück zusammenzuschließen.

Nun, mein liebes Baby, laß bald wieder von Dir hören und bleib hübsch brav und gesund.

Mit den herzlichsten Grüßen und Küssen bin ich

Dein treuer Walter.

Viele freundliche Grüße an Deine lieben Eltern. Meine Mutter und Geschwister lassen auch herzlich grüßen.

Zum Reformrealgymnasium in Bochum gibt es im Internet einige interessante Informationen: Zunächst die Wikipedia-Seite, dann eine Seite mit Bildern vom Bau bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg und den anschließenden Wiederaufbau, schließlich ausführliche Informationen zur Schulgeschichte. Die Internet-Seite der Schule selbst enthält hingegen kaum Bezüge auf die Zeit vor 1945. Ein späterer Schüler dort war übrigens Wolfgang Clement.

1 Kommentar

1 77jahre - Di 13.10.1931, Brief von Anneliese an Walter: “ob Du wohl überhaupt solch ein Opfer wert bist?” schrieb am 13.10.08 um 21:03 Uhr:

[...] Du nun meinst, Dein netter Brief hätte mich beim Einfallen in den Briefkasten geweckt, bist Du schwer im Irrtum. Ich war nämlich [...]

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