Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Sa 03.10.1931, Brief von Anneliese an Walter: “ich bin gerade in fabelhaftester Stimmung”

Poststempel: 21-22 Uhr

Schwelm, den 3. Okt. 1931.

Mein lieber Junge!

Vorige Woche um diese Zeit – es ist gerade 8 h – gingen wir wohl zum “gemütlichen Teil” über, obwohl das Tippen ja auch recht nett war, nicht wahr? Und wenn ich nicht erkältet gewesen wäre, hätte ich wohl auch Samstag abends nicht so apathisch dagesessen, meine Mutter kann sich bis heute noch nicht ganz abregen über diese langweilige Göre. Nun möchte ich mir wünschen, daß Du von einem Schnupfen verschont geblieben bist; Frau Ibing sprach da so komische Vermutungen aus, da hab ich dann gefragt, warum denn gerade Du angesteckt sein solltest, worauf sie lachte. Komische Menschen! Aber Sorge brauchst Du nicht zu haben, denn mir geht es sehr, sehr gut; ich bin gerade in fabelhaftester Stimmung vom Tennisspiel nach Hause gekommen. Montag und Dienstag hatten wir Schneiderin und natürlich alle Hände voll zu tun, da wir tüchtig mitgeholfen haben. Die beiden Tage sind mir ja ziemlich sauer geworden, doch habe ich Montag abend das Turnen nicht anbrennen lassen. Mittwoch beim Tennisspiel wurde dann der Kopf frei und freier, sodaß ich mich sogar regelmäßig mit Felix Müller gezankt habe. Das kam daher, wir wollten zu mehreren vom Klub Donnerstag nachm. zum Tölleturm und konnten natürlich nicht übereinkommen, denn jeder hatte einen anderen Vorschlag. Nun meinte Fe[lix] schließlich zu mir, wenn die anderen auch nicht mitgingen, wir beiden könnten doch auf jeden Fall hingehen usw., was ich natürlich dankend ablehnte. Und so kam es denn allmählich, daß wir zum Entsetzen der übrigen kein Wort mehr miteinander redeten, das hat sich aber inzwischen auch wieder gegeben. Nun sind wir denn am Donnerstag zu 5 Damen bei herrlichstem Wetter durchs Murmelbachtal zum Tölleturm gewandert und haben da recht viel Freude gehabt. Du kannst Dir denken, wie so 5 Frauenzungen lästern können. Wir hatten uns so gesetzt, daß wir kaum zum Tanzen geholt werden konnten und so näherte sich uns auch nur einmal ein Tänzer und – zum größten Ärger der anderen – hatte ich das enorme Glück. Nun lache mal, wenn ich Dir schreibe, daß der Herr aus Bochum kam!

Und Du bist fleißig wie immer; ich werde Dienstag gegen Mittag mal nach Bochum denken, ob das wohl was hilft? Sonst habe ich nächste Woche einmal wieder “Wuppertaler Festwoche”, ich kann aber bestimmt nichts dazu. 2 Kaffeeeinladungen, einmal ins Kino, Montag einen Spaziergang mit einer Freundin, morgen nach Beyenburg mit den Tennisleuten und als Krönung dann der “Tennisball”. Viel mehr freue ich mich ja allerdings auf den darauffolgenden Sonnabend, an dem mein lieber Junge hoffentlich recht froh nach hier kommt!! Freust Du Dich etwa auch? Das Neueste ist übrigens, daß Frau Mucki unseren Tennisklub einladen und selbst eintreten will. Ist das nicht ein Witz? Da ist doch noch etwas in Schwelm, wovon sie zu wenig weiß. Der Mensch hüte sich vor Neugierde!

Nun soll der Brief noch schnell fort, hoffentlich bekommst Du ihn morgen früh. Dir und Deinen lb. Angehörigen einen recht herzl. Sonntagsgruß von

Deiner Anneliese.

Noch keine Kommentare

Noch keine Kommentare...

Schreib' doch den ersten!

Schreib einen Kommentar: