Mi 30.09.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Ich habe jetzt eine ziemlich lustlose Periode”
Bochum d. 30.9.31.
Mein liebes Kind!
Die beiden schönen Tage in Schwelm haben mir recht gut getan. Es war doch etwas ergiebiger als sonst. Das nächstemal [sic] wird es wohl auf dasselbe hinauskommen. Hoffentlich ist mein liebes Baby dann wieder gesund. Die eigentliche Erkältung wird wohl jetzt erst richtig zum Durchbruch gekommen sein, das ist doch meist so. Etwas Fieber hattest Du ja schon am Samstag, jetzt werden wohl regelrechte Kopfschmerzen und körperliche Mattheit daraus geworden sein. Es tut mir wirklich leid für Dich. Am liebsten möchte ich jeden Tag mal hereinkommen und mich davon überzeugen, daß Du auch warm genug angezogen bist. Deine liebe Mutter wird aber wohl die nötigen Maßnahmen treffen, denen Du Dich als gehorsame Tochter willig fügst.
Die Arbeit werde ich morgen früh abgeben. Da Dein guter Geist in ihr lebt, wird der Erfolg nicht ausbleiben. Am Dienstag in der letzten Stunde halte ich in Turnen eine Probelektion. Die Durchführung der Stunde bereit[et] mir weniger Schwierigkeiten als der schriftliche Entwurf. Aber auch der Schmerz geht vorüber. Gestern habe ich in der “Allgemeinen Turnsitzung” Protokoll geführt. Die Ausarbeitung wird einen Tag in Anspruch nehmen. In 3 Wochen steigt eine Physiklektion. Allmählich muß ich auch daran denken, einen Plan für meine Examensarbeit zurechtzulegen und pädagogische Werke zu lesen, dann nach Weihnachten ist keine Zeit mehr dazu.
Ich habe jetzt eine ziemlich lustlose Periode. Viel habe ich diese Woche noch nicht gemacht, es folgt eben jetzt die Reaktion auf die vorherige Arbeit. Im Laufe der nächsten Woche wird die faule Zeit hoffentlich vorbei sein. Die Lustlosigkeit ist auf das Vielerlei der Beschäftigung zurückzuführen. Ich weiß nicht, was ich zuerst machen soll. Aber allmählich muß ich einen ernsthaften Entschluß fassen. Bis Ostern geht es eben nicht anders. Hoffentlich wird es dann etwas gemütlicher.
Nun, meines liebes Kind, will ich schließen, denn meines Bruders Freund erzählt hier so viel, daß ich den Faden ganz verloren habe.
Ich wünsche Dir gute Besserung und bin mit vielen Grüßen und Küssen
Dein Walter.
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