Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Do 24.09.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Du wirst denken, daß ich ein recht dummer Mann sein muß”

Bochum, d. 24. 9. 31.

Mein liebes Kind!

Es ist jetzt schon 11 Uhr, aber ich will noch schnell schreiben und den Brief zur Bahn bringen, damit er morgen früh meinen Liebling erreicht. Für Deine beiden Briefe danke ich Dir recht herzlich. Es ist immer so etwas von ganz besonderer Art, wenn ich einen lieben und netten Brief von Schwelm vorfinde. Leider komme ich erst heute dazu, Dir zu schreiben, ich war wirklich fleißig in den letzten Tagen. Wo ich die Nacht schlafe, ist mir an sich gleich, entweder bei Ibings oder bei Muckis. Aber ich glaube, daß Ibings weniger Aufsehen damit machen und daß ich an keine Polizeiverordnung, wie 9 Uhr abends antreten, gebunden bin. Aber die Entscheidung überlasse ich ganz Dir. Wie Du es abmachst, so ist es mir recht. Hoffentlich bist Du so gut und erledigst die Anmeldung für mich. Ich werde mit dem Zuge um 1201 von Bochum-Nord abfahren, bin 1247 in Hagen, fahre 1309 weiter und bin 1330 in Schwelm. Falls Du die Maschine erst um später bekommen solltest, werden wir die Zeit schon angenehm verbringen. Im übrigen wird auch die Tipperei ganz gemütlich werden. Wenn Du pro Stunde 3 Seiten schreibst, bin ich schon zufrieden. Die Arbeit wird ca. 15-16 Seiten.

Ich freue mich schon sehr auf die beiden schönen Tage. Morgen muß ich noch mein Praktikum vorbereiten, damit ich in Schwelm nicht immer daran zu denken brauche, denn dafür ist die Zeit zu schade. Bis auf eine nochmalige Durchsicht ist die Arbeit vollständig fertig.

Du wirst denken, daß ich ein recht dummer Mann sein muß, so lange an einer so kleinen und vielleicht sogar mäßigen Arbeit zu sitzen. Aber seit die Schule wieder im Gange ist, bin ich in der Hauptsache mit anderen Dingen beschäftigt gewesen. Wofür man eigentlich noch arbeitet, weiß ich bald nicht mehr, wenn ich an die schönen Aussichten denke. Wenn die Lage sich nicht ändert, ist mit 5 Jahren Beschäftigungslosigkeit zu rechnen. Aber derartige Überlegungen sind ziemlich fruchtlos, trotzdem kann man sich ihrer nicht ganz erwehren, zumal heute kaum noch etwas anderes gesprochen wird.

Über den Abend bei Mucki können wir ja Übermorgen noch plaudern.

In der Hoffnung, daß es Dir und Deinen Lieben noch recht gut geht, bin ich mit den herzlichsten Grüßen und Küssen Dein treuer Walter.

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