Mo 21.09.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Es ist doch nicht recht, dass der eine soviel arbeiten muss und der andere hat so reichlich Vergnügen”
Poststempel: 18-19 Uhr.
Der Brief ist mit Schreibmaschine geschrieben.
Schwelm, den 21. September 1931.
Mein lieber Walter!
Nun habe ich gerade die Schreibmaschine bekommen und will Dir schnell Deinen lb. Brief beantworten, für den ich Dir recht herzlich danke. Also am Sonnabend willst Du kommen und dann soll feste gearbeitet werden. Wir freuen uns schon alle sehr auf Deinen Besuch, nur ich habe einen grossen Bammel, dass ich garzu viele Tippfehler mache und da hat mir Vater heute für eine Stunde die Maschine bewilligt, damit ich ein wenig üben kann. Wir können die Schreibmaschine schon Samstag nachmittag haben. Wann wirst Du denn herangefahren kommen, um wieviel Uhr darf ich Dich abholen? Und wo willst Du schlafen? Ich würde Dir gern die Arbeit des Anmeldens abnehmen, denn Du hast ja gerade genug Arbeit, Du müsstest mir dann nur umgehend Antwort geben. Es braucht ja in dem Brief nichts weiter drinzustehen, denn ich kann wohl verstehen, dass Du bei all den Vorbereitungen keine langen Briefe schreiben kannst.
So, nun genug von der Arbeit, davon hörst und siehst Du – Aermster wage ich selbst nicht mehr zu denken – jeden Tag genug! Heute soll Hans auch noch einen getippten Brief bekommen; darin soll ich ihm über meine Eindrücke und Gefühle in Bezug auf seine Maria möglichst viel schreiben. Ich finde das grauenhaft, einen Menschen so aburteilen zu sollen, zumal wenn man sich nicht klar ist, ob eben dieser beschriebene Mensch nicht von dem Brief erfährt. Und doch kann ich verstehen, dass Hans gerade von seiner Schwester erfahren möchte, wie Maria von den Eltern aufgenommen ist und wie sie sich hier gegeben hat.
Gleich holt mich Emmi Grävinghoff ab und dann gehts zum Turnen. Ich freue mich schon sehr darauf, denn ich habe mich heute den ganzen Tag über mit einer grossen Wäsche bügelnderweise vergnügt und das ist doch immerhin ziemlich einseitige Arbeit. Ich hoffe deshalb, dass heute abend weniger erzählt wird, damit meine Muskeln mal tüchtig rangekriegt werden. Ich werde Frau Mucki noch nichts von Deinem Kommen erzählen, sie erzählt ja augenblicklich noch soviel vom Abbau und der schlechten Behandlung der Studienräte, dass sie noch keinen neuen Gesprächsstoff nötig hat.
Ich bekomme neuerdings im Tennisclub Lebensweisheit mit Löffeln zu kosten. Letzten Samstag hat man mich vor einer Heirat mit Beamten, besonders mit Lehrern und Pastoren gewarnt, denn diese schrecklichen Menschen benutzten immer ihre nächste Umgebung als willkommenes Erziehungsobjekt. Mir ist natürlich angst und bange geworden und ich habe mich erst wieder beruhigt, als man mir zugestand, dass es auch in diesen Berufen Ausnahmen gäbe. Auf meine Bemerkung, dass somit wohl die Kaufleute die einzigen zur Ehe tauglichen Individuen seien, hat man mir dann in edler Bescheidenheit leider keine Entgegnung machen mögen (das waren nämlich fast alles Kaufleute).
Hoffentlich haben wir Samstag/Sonntag besseres Wetter, denn es wird sicher ganz gut tun, zwischendurch einmal ein wenig spazieren zu laufen. Schreibmaschinenbogen habe ich übrigens noch und ausser Durchschlagpapier und Radiergummi gebrauchen wir doch nichts?
Am Donnerstag wollen wir wahrscheinlich von hier mit einigen zum Tölleturm gehen; hoffentlich wird etwas daraus, denn seit wir beiden im Frühjahr dort getanzt haben, war ich noch nicht wieder dort. Es ist doch nicht recht, dass der eine soviel arbeiten muss und der andere hat so reichlich Vergnügen, nicht wahr? Am 10. Oktober ist grosses Tennisabschiedsfest, Leni ist schon ganz glücklich! Man hat mich gebeten, dem Besuch davon Mitteilung zu machen, was ich hierdurch tue. Ich habe dazu gelacht, der Besuch interessiert die Leutchen doch sehr. Nun wünsche ich Dir, dass Dir alle Gedanken nur so aus der Feder fliessen! Dir und Deinen lb. Angehörigen herzl. Grüsse von
Deiner Anneliese.
1 Kommentar
“Auf meine Bemerkung, dass somit wohl die Kaufleute die einzigen zur Ehe tauglichen Individuen seien, hat man mir dann in edler Bescheidenheit leider keine Entgegnung machen mögen (das waren nämlich fast alles Kaufleute).”
Schlagfertig, die Dame.
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