Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Sa 19.09.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Heute ist meines Vaters Sterbetag”

Bochum d. 19. 9. 31.

Mein liebes Kind!

Es ist wirklich nett von Dir, daß Du mir 2 so nette Briefe geschrieben hast. [Brief 1, Brief 2] Sie waren die einzige vernünftige Lektüre für mich. Im Geiste habe ich Dir schon so oft geschrieben und bin fast beschämt, daß ich erst jetzt dazu komme. Viel Arbeit ist eigentlich keine rechte Entschuldigung für mich, denn schließlich soll man auch seine Erholung und etwas Schlaf für den Menschen opfern können, den allein man innig liebt. Insofern muß ich meine Schwäche einsehen. Anderseits möchte ich Dir nicht ein verworrenes Zeug anbieten, das bei dem vielerlei der Arbeiten und Ideen, die in einem herumflottieren, doch herauskommen könnte. Durch den augenblicklichen Betrieb kann ich mich des Gefühls des Gehetztseins nicht erwehren. Die kommende Woche wird noch so manches mit sich bringen. An der abzugebenden Arbeit kann ich jetzt nur wenig tun, aber sie ist auch bald fertig. Am Rohbau fehlen mir nur noch der Schluß und die Beschreibung von 2 konkreten Situationen. Wenn es Dir recht ist, komme ich am Samstag nachmittag zu Euch und fahre erst Sonntag abend. An einem Tage würde das Schreiben etwas viel für Dich werden und schließlich möchte ich auch etwas gemütlich mit Dir zusammensein, denn ich sehne mich schon sehr danach. Ich weiß ja nicht, ob Du am Samstag schon eine Schreibmaschine bekommen kannst. Da ich nicht wußte, welches Thema ich für die große Arbeit wählen sollte, habe ich kurz entschlossen ein organisches Praktikum für Oberprimaner ins Leben gerufen. Montag nachmittag geht der Betrieb schon los. Am 29. 9. muß ich in der allgemeinen Sitzung ein Referat halten, das ich vor meiner Fahrt nach dem geliebten Schwelm noch fertig haben möchte. Demnächst werde ich auch wieder eine Lehrprobe vom Stapel lassen und zwar in Turnen. Außerdem habe ich die übliche Präparation für den Unterricht. Diese Woche will ich noch recht fleißig sein, um die schönen Stunden in Schwelm in Ruhe genießen zu können.

Heute ist meines Vaters Sterbetag, da wollen wir alle zum Friedhof gehen.

Schreib mir bitte recht bald!

Mit vielen herzlichen Grüßen und Küssen bin ich

Dein Walter.

Viele Grüße an Deine lb. Eltern.

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