Mi 16.09.1931, Brief von Anneliese an Walter: “mit was für scharfen Augen solch angehende Schwiegertöchter betrachtet werden”
Poststempel: 17.09., 7-8 Uhr
Schwelm, den 16. 9. 1931
Mein lieber Junge!
Gestatte nun, daß ich feststelle, daß ich doch eigentlich schrecklich nett bin, weil ich schon wieder einmal an Dich schreibe. Weil ich nun so garnichts von Dir gehört habe, nahm ich an, daß dies ein Zeichen von übereifriger Arbeit sein müsse, und deshalb will ich unerlaubterweise Dich durch diesen Brief etwas ablenken, darf ich? Als ich nun heute morgen in Felix gute traurige Augen sah, da wußte ich, daß ich Dir heute noch schreiben mußte, wenn ich auch von Dir garnicht einmal etwas hörte. Es ist doch gut, daß es auch Menschen gibt, denen man einmal Freude bereiten kann, denn sonst möchte ich wissen, wozu man auf der Welt wäre! Gar zu gern wüßte ich ja nur einmal wie es Dir und Deiner Arbeit geht, und ob die freie Zeit am Abend reicht oder ob jede Nacht zu Hilfe genommen werden muss. Und wenn ich nun auch während der Schulzeit in Bezug auf Briefekriegen nicht verwöhnt war und auch weder die Absicht noch die Aussicht habe, es zu werden, wäre ich Dir doch recht dankbar, wenn Du mir recht bald einmal über Dich und Deine Arbeit einiges schreiben würdest, willst und kannst Du wohl? Vielleicht ist es ja albern, aber ich habe doch einige Sorge, denn Du sahst letzten Mittwoch recht wenig erholt aus, und nun habe ich Angst, daß Dir alles ein wenig zu viel wird.
So nun will ich Dir noch ein wenig von uns hier erzählen. Unsere kleine Maria ist am Freitag morgen nach Münster abgedampft; wir beiden hatten am Abend vorher noch im Dunkeln bis nach 2 h zusammen gesessen. Bei so etwas kommt man sich näher und ich habe “mein Schwesterlein” nachher recht vermisst. Nun staune ich, mit was für scharfen Augen solch angehende Schwiegertöchter betrachtet werden und das wird mir Angst und bange. Und nun bin ich mal wieder bei meiner Spezialität, dem Entschuldigen, selbst dann noch, wenn ich fast nicht mehr mitkam. Aber sowohl bei den Eltern wie auch bei Maria ist der Wunsch vorhanden, sich zu verstehen, und da soll es wohl auch auf die Dauer klappen. Ich bin nun gespannt, demnächst einmal Deine Meinung über das Kind zu hören, obwohl Du ja nur wenig Gelegenheit gehabt hast, Maria kennenzulernen. Na, darüber werden wir uns dann mündlich einmal in die Haare geraten. Am Samstag haben Leni und ich bei Müllers – das Tennisspiel musste des Regens wegen leider abgebrochen werden – einen ganz reizenden Nachmittag verlebt. Es ist wirklich bewundernswert, wie gastfreundlich diese Leute sind, denn es liegt doch eine gewisse Selbstaufopferung darin, immer und gern für andere Leute da zu sein. Wir haben dann Rommé gespielt und ich habe ziemlich viel Glück dabei gehabt, doch war ich nur die Zweite, drum hat man mir u. U. noch einiges Glück in der Liebe zugebilligt, was mich natürlich glücklich machte.
Montag im Turnen traf ich dann Frau Mucki. Ihre zweite Frage war “Waren Sie in Bochum”, denk mal, was die nun wieder für Gesprächsstoff hat, die beneidenswerte! Braun, rundlich und gut erholt, schimpft sie aus Leibeskräften auf den Abbau und will sich, wenns noch weiter so geht, schon mal wieder das Leben nehmen; ich denke aber, sie wird wohl vorher noch ein paar Auslandsreisen machen. Muckis Schreibfaulheit möchtest Du entschuldigen, sie, die arme Frau, müsse immer alle Schreibereien erledigen. Nun, das ist Einstellungssache, das habe ich ihr auch gesagt. Emmi ist ganz empört über dies neugierige Frauenzimmer, mich belustigt das hingegen, die Neugierde ist meisterhaft unter einer gewissen Herzlichkeit verborgen, nur daß zuweilen der Takt einiger Auffrischung bedarf.
Gestern sprach ich bei Graf Söhne vor, dem Geschäft in Barmen, wo ich fast 3 Jahre tätig war. Auf der Haspelstube bei meinen alten Freunden und Freundinnen – sie sind nebenbei gesagt alle verheiratet – löste mein Kommen lauteste Freude aus. Man hat mir dort noch immer nicht ganz verziehen, daß ich damals fortgegangen bin. Mit meinem früheren Chef sprach ich dann und bat ihn, mich zu benachrichtigen, falls er in seinem Bekanntenkreise einmal von einer passenden Stelle für mich hörte. Er will das nun gern tun, ließ natürlich durchblicken, daß die Zeit äußerst ungünstig für Neueinstellungen wäre, doch das wissen wir ja selbst ganz genau. Er will sich auch erkundigen, ob er in England eine passende Familie ermitteln kann. Mehr kann ich nun im Augenblick auch nicht tun. Ich genieße nun meine freie Zeit doppelt, denn wer weiß, wie lange man noch so herzlich ungebunden ist. Heute haben wir einen weiten Spaziergang gemacht, diese etwas dunstige Herbststimmung ist doch wunderbar beruhigend in ihren matten Pastellfarben. Schade ist nur, daß Du nicht mal ein Stündchen mit spazierenlaufen kannst! Morgen Mittag will ich mit Emmi zu Fuß nach Rittershausen laufen, und dann wollen wir dort in der Badeanstalt tüchtig schwimmen. Darauf freue ich mich schon sehr, weiß ich doch kaum noch, wie man sich so schwimmenderweise im nassen, kalten Wasser fühlt.
Nun will ich Schluß machen, denn ich muß morgen so früh aufstehen, daß ich schon müde werde, wenn ich nur daran denke. Wie geht es denn Deiner lb. Mutter, haben die Tage der Erholung gut getan? Und hat sie es mir wohl sehr übelgenommen, daß ich ihren Walter gerade am Tage der Rückkehr nach Blankenstein beorderte? Grüße bitte Deine lb. Mutter recht herzl. von mir, dgl. auch Deine Schwester und Deinen Bruder. Von Dir selbst möchte ich gern bald einmal etwas hören oder sehen. Bis dahin die herzlichsten Grüße
von Deiner Anneliese.
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