Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Do 10.09.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Alles, was ausgesprochen ist, ist nur noch halb so schön”

Poststempel: 23-24 Uhr

Schwelm, den 10. Sept. 1931.

Mein lieber Junge!

Nun schreiben Maria und ich, vereint durch die schönen Klänge des Liedes “Ohne Dich hat die Welt keinen Sinn“, jedoch getrennt sitzend und nach entgegengesetzten Richtungen. Dieses Mal sollst Du Dir keine Sorge um mich machen, Du Lieber. Es war eine köstliche Nachtfahrt, wir saßen alle drei eng aneinander gekuschelt hinten im Wagen und genossen so recht das gespenstisch Schöne, diese herrliche Ruhe nach all den erhitzten Gesprächen. Und immer wieder mußte ich an eine unvergeßliche Nachtfahrt denken, die mich vor noch nicht allzu langer Zeit mit einem lieben Menschen dieselbe Strecke fahren ließ. Kurz vor Schwelm gings dann “knack” und die langersehnte Panne war da. Den Rest des Weges, etwa 20 Minuten mußten wir zu Fuß – teils im Engl. Waltz-Schritt – zurücklegen und langten erst gegen 11 h hier an. So war es doch gut, daß wir Euch drei allein Eurem Schicksal überließen, hoffentlich hat Euch ein guter Stern gut nach Bochum und gleich nach Hause geleitet. Ist das Aufstehen nun heute morgen arg bitter gewesen? Ich habe gleich beim Aufwachen an Dich denken müssen und bin dann in Gedanken den Schulweg gemeinsam mit Dir gepilgert. Schade nur, daß Du mich nicht gesehen hast. Ich freue mich ja so, Walter, daß ich in Bochum war und weiß wo Du leben, lieben (ach nein, lieber doch nicht!) und leiden mußt. Und dann ist es auch so schön, daß ich Deine lb. Mutter und Deine Geschwister nun kenne, denn so gehöre ich doch schon so ein ganz kleines bißchen zu Eurer Familie, nicht wahr?

Wie hat Dir denn der gestrige Tag nun gefallen? Es war doch im Großen und Ganzen eine recht nette Angelegenheit, nicht wahr? Zuweilen hätte ich ja die ganzen Menschen – lieber jedoch noch uns beiden [sic] – auf eine einsame Insel gewünscht, aber da man uns diesen Gefallen nicht tat, sind wir auch so zufrieden. Ich möchte nur wissen, ob Dr. Stempel sich noch irgendwie geäußert hat, denn ich habe ihn mehrmals moralisch derart geohrfeigt, daß er eigentlich bei einem mir halbwegs annehmbaren Minimum von Ehrgefühl zornbebend hätte Einspruch erheben sollen.

Lessing [Leni?] hat mir ja leid getan, sie blickte wie ein gefangenes Vögelein ängstlich von einem Sprecher zum anderen. Solche Unterhaltung hatte ihr kleines, sonst wohl nur mit an sanft dahinplätschernde Unterhaltung gewöhntes Ohr wohl noch niemals vernommen. Und vor lauter Staunen, daß man sich auch auf diese Art und Weise unterhalten kann, ist sie wohl garnicht zu der Einsicht gelangt, daß sie eigentlich dabei nicht auf ihre Kosten gekommen ist. Ich bin sehr gespannt zu erfahren, was sie noch über den Nachmittag zu äußern hat. Ich habe sie mit beredten Worten zu überzeugen gewußt, daß wir in nächster Zeit ab und zu in Bochums schöne Umgebung fahren müssten.

Heute waren Maria und ich in Barmen und Elberfeld, haben uns viel angesehen, schön unterhalten, zuweilen auch tüchtig gelacht. Bei Michel im Dachgarten haben wir bei den Klängen eines schönen Tangos große Sehnsucht nach 2 netten Herren, die Walter und Hans hätten heißen müssen, gehabt, wie gut nur, daß dort nicht getanzt wurde, sonst wäre es katastrophal geworden.

Maria und ich haben uns recht lieb gewonnen, dies gemeinsame beiderseitige Erleben fast derselben Gefühlsmomente hat uns einander nahegebracht. Sie ist dabei z. T. von einer kostbaren Offenheit, die mir ja in diesen Sachen nicht gegeben ist und deren Fehlen ich auch garnicht einmal sehr bedauere, denn das Schönste ist es doch, wenn nur die 2 Menschen um das köstliche Sichverstehen wissen; den nur etwas ferner Stehenden kann es ja garnicht so heilig sein, wie diesen beiden. Und andererseits will Vertrauen auch wieder Vertrauen haben. Nun, so allerhand nette Episödchen erzähle ich ihr ja auch, doch ist da eine gewisse Grenze, über die kann ich eben nur schwer hinaus und warum sollte ich hier? Alles, was ausgesprochen ist, ist nur noch halb so schön.

Einige Sorge macht mir nur Dein schlechtes Aussehen und das zum Ferienende! Ich glaube ja nun, daß der Ursprung nicht nur in der angehäuften Arbeit liegt, sondern auch in den Grübeleien über die schlechte Zeit augenblicklich, habe ich da wohl ein wenig recht? Sicherlich ist es nicht schön, aber wir können uns doch nicht beklagen. Und gerade wenn es am schlechtesten ist, kommen die sog. “Zufälle”. Und sollten die ausbleiben, dann ändern wir ja auch nichts, verbrauchen nur unsere Nerven, die wir doch gerade in dieser Zeit doppelt nötig haben! Ich hoffe nun, Dich nächstes Mal mit sanft angehaucht-rosigen Wangen begrüßen zu dürfen. Wann dies nächste Mal so ungefähr, ganz offengelassen, natürlich, wäre, möchte ich ja so unendlich gern mal hören, könntest Du mir das wohl mal so ganz schwach andeuten? Weißt Du, ob in 4, 5 von 6 Wochen, wenns geht aber ein klein wenig eher. Es ist doch eigentlich schrecklich, wie unersättlich solch ein undankbares Menschenkind im Grunde doch ist!

Nun habe ich noch eine Bitte, mein lb. Junge, schreib mir doch bitte früh genug, wann ich mit meinem täglichen Training auf der Schreibmaschine beginnen muß, damit ich’s auch nur ja einigermaßen gut mache, denn ich habe enorme Angst vor Deinem Stirnrunzeln bei jedem Tippfehler.

Und wenn Du nun einmal Zeit hast, weißt Du so zwischendurch läßt sich das sicher immer mal ermöglichen, dann schreibst Du mir recht bald einmal, wohl, es braucht nicht viel zu sein, ich kann zuweilen so bescheiden sein wie Leni.

Nun soll ich von uns allen Deine lb. Mutter, Deine Geschwister und Dich recht schön grüßen, was ich hiermit tue. Von mir bekommst Du noch einen besonders schönen Gruß!

Deine Anneliese.

1 Kommentar

1 77jahre - Sa 19.09.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Heute ist meines Vaters Sterbetag” schrieb am 19.09.08 um 09:24 Uhr:

[...] ist wirklich nett von Dir, daß Du mir 2 so nette Briefe geschrieben hast. [Brief 1, Brief 2] Sie waren die einzige vernünftige Lektüre für mich. Im Geiste habe ich Dir schon so [...]

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