Sa 05.09.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Wie ich heute erfahren habe, findet bei schlechtem Wetter der Tanz im Saale statt”
Bochum d. 5. 9. 31.
Meine liebe kleine Anneliese!
Freitag früh kam Dein lang ersehnter Brief, der uns Deine glückliche Ankunft in Schwelm annoncierte. Freitag abend erhielt ich Deinen zweiten Brief, über den ich mich besonders gefreut habe. Die Nachricht über den plötzlichen Krankheitsfall Deiner lieben Mutter hat mich natürlich sehr betrübt. Du wirst für die nötige Schonung Sorge tragen, sodaß es hoffentlich nicht wieder vorkommt.
Falls Eure Fahrt am Mittwoch nach Blankenstein perfekt ist, werde ich mich natürlich gern auch einfinden, zumal es der letzte Ferientag ist. Heute regnet es allerdings in Bochum wieder ziemlich, aber mich würde der Regen auch am Mittwoch nicht stören, denn ich bin auch bei schlechtem Wetter gern mit Dir zusammen, aber für Euch ist das Fahren doch schon umständlicher und schwieriger, zumal Ihr mit dem Auto, Deiner vornehmen Passion, fahren wollt. Ihr werdet ja sehen, wie es passen wird. Wie ich heute erfahren habe, findet bei schlechtem Wetter der Tanz im Saale statt. Leni könnte ihren Freund deshalb also ruhig mitbringen. Bei Leni geht das Anschaffen eines neuen Freundes reichlich schnell. Es ist ja auch nur eine Freundschaft, die nicht auf seelischen Werten basiert aber vielleicht auf der anderen Seite viel intimeren Charakter trägt als bei uns, den artigen Kindern.
Seit Mutter fort ist, herrscht hier eine eigenartige Stimmung in den Räumen. Wenn Karl und Hedwig morgens gegangen sind, habe ich das Reich ganz für mich allein. Meist trinke ich erst gemütlich Kaffee und lese die Zeitung. Aber in den unbelebten Räumen gefällt es mir nicht so recht. Ich habe schon so manchmal gedacht, wie schön es wäre, wenn mein Kind als guter Geist hier walten würde. Ab 10 Uhr sitze ich in der Bibliothek und arbeite. Nachmittags wird meist nicht viel davon, aber nach dem Kaffee geht es wieder los. Gestern abend kamen Schmidt und Hempel. Wir waren bis 2 Uhr zusammen, heute morgen habe ich mich aber schon geärgert. Bei diesen nächtlichen Touren kommt nichts Vernünftiges heraus, und am nächsten Tag ist man müde. Die Arbeit geht, wenn auch langsam, voran. Am Donnerstag beginnt leider wieder die Schule, die Sitzungen und die Privatstunden. Die Examensarbeit muß auf jeden Fall abends und nachts gemacht werden. Den anderen geht es aber genau so.
Hoffentlich ist Deine Mutter wieder gesund. Laß bald wieder von Dir hören und sei vielmals gegrüßt und geküßt von
Deinem treuen Walter.
Viele Grüße an Deine lieben Eltern. Das Bildchen ist ganz nett, wenn es auch etwas verwackelt ist.
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