Do 03.09.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Mutter lag kreideweiß auf dem Sofa”
Poststempel: 23-24 Uhr
Schwelm, den 3. Sept. 1931.
Mein lieber Walter!
Mutter hat mich schon tüchtig ausgeschimpft, daß ich nicht schon eher geschrieben und mich für den schönen Tag bei Euch bedankt habe, ist aber nicht böse gemeint, denn daß es mir in Bochum gefallen hat, brauche ich ja wohl nicht noch besonders zu sagen. Wie lieb haben aber auch Deine lb. Mutter und Deine Schwester für uns gesorgt.
Es war ja nun recht nett von Dir, daß Du mich um 2121 h in den Zug gesetzt hast, doch nächstes Mal will ich lieber den richtigen nehmen. Es ist ja zwar ganz apart zur Ausfüllung der Wartezeit über Dortmund zu fahren, doch könnte ev. in Dortmund einmal ein intelligenterer Schaffner kontrollieren, der dort an meiner vorgezeigten Sonntagskarte Schwelm-Hagen Anstoß nähme. Nach einem Aufenthalte von nur 8 Minuten konnte ich dann von Hagen mit dem vorgesehenen Zuge nach hier fahren; was sagst Du nun? Die Gegend um Bochum herum scheint doch recht gefährlich zu sein!
Wie steht es denn mit der Arbeit, mein lieber Junge, klappt alles zur Zufriedenheit. Schreib doch mal bitte, ob’s gut vorangeht.
Wir haben die Woche tüchtig Birnen eingekocht, das ist nicht sehr schön, aber nützlich. Das ist Mutter dann wohl etwas viel geworden, und da wurde ich dann gestern Morgen, zum größten Ärger der anderen, telefonisch vom Tennisplatz gerufen, Leni fuhr mich per Auto schnell nach Hause. Da habe ich dann einen schönen Schreck gekriegt, denn Mutter lag kreideweiß auf dem Sofa und war ohnmächtig geworden. Zum Glück war Frau Ibing dagewesen und so war es nicht so schlimm, denn sie war rührend umsorgt worden. Nun ist es wieder gut, nur schonen wir unsere Mutti sehr, aber das geht ja auch wunderschön, wo ich hier zu Hause bin.
Heute nachmittag war ich bei Leni; und da haben wir uns vorgenommen, einmal eine Autofahrt nach Blankenstein zu machen. Perfekt ist nun noch nichts, wir dachten jedoch an nächsten Mittwoch. Nun wollte ich mal so ganz sanft anfragen, ob es wohl Deine Arbeit erlauben würde, daß Du dann auch ein paar Stunden herüberkämst? Wenn Du aber den Nachmittag nötig hast, dann schreibe es mir bitte, ich weiß ja selbstverständlich, daß die Arbeit vorgeht. Vielleicht bist Du so lieb und gibst mir recht bald Bescheid, damit Leni auch weiß, woran sie ist. Bestimmt ist noch nicht, ob ihr Vater den Wagen nicht geschäftlich gebraucht, und dann kommt es ja auch aufs Wetter an, oder kann man sonst irgendwo drinnen tanzen? Leni würde ev. ihren Freund mitbringen. Also, Du schreibst mal. – Deiner lb. Mutter danke ich nochmal herzlich u. bin mit vielen Grüßen für Dich und Deine Lieben
Deine Anneliese.
Die Aufnahme ist zwar unterbelichtet, aber vielleicht freust Du Dich doch darüber.
Das beigelegte Foto ist nicht erhalten.
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[...] früh kam Dein lang ersehnter Brief, der uns Deine glückliche Ankunft in Schwelm annoncierte. Freitag abend erhielt ich Deinen zweiten [...]
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