Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 16.08.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Ich würde ja von Bochum nach hier immer im Auto fahren”

Poststempel: 23-24 Uhr

Schwelm, den 16. VIII. 1931.

Mein lieber Junge!

Heute morgen habe ich eine große Freude gehabt, denn als ich aufwachte, fand ich Deinen lb. Brief, den Mutter mir aufs Bett gelegt hatte. Solch eine nette Überraschung lasse ich mir wohl gefallen, aber noch viel schöner finde ich, daß Du am Donnerstag kommen willst. Der Tag passt uns recht gut, und wir freuen uns, Dich einmal wieder hier zu haben. Und wenn Du Freitag hättest kommen wollen, dann hätten wir auch Freitag Zeit gehabt, denn wir müssen nicht unbedingt Freitags putzen, weil “man” eben am Freitag sauber macht. Dazu kann man auch den Donnerstag oder den Samstag gebrauchen. Auf alle Fälle freue ich mich ganz schrecklich, daß Du kommen willst! Dann sollst Du Dich einmal tüchtig von Deiner Arbeit erholen. Und wenn Du Lust hast, dann musst Du mir mal ein wenig davon erzählen, damit ich auch weiß, worüber Du immer so fleißig arbeitest.

Ich werde Dich also um 1/2 9h von der Bahn abholen, denn ich sehe – zu meinem Erstaunen – daß Du mit dem Zuge kommen willst. Ich würde ja von Bochum nach hier immer im Auto fahren, ich bin das eben so gewöhnt. Im übrigen werde ich hier zu Hause mit meiner noblen Passion genügend aufgezogen.

Heute am lieben Sonntag nachmittag bin ich ganz allein hier zu Hause, die Eltern sind in Elberfeld und ich sollte eigentlich auch mitkommen, und man wird wohl auch ein wenig böse sein, daß ich hiergeblieben bin. Aber das macht nichts, ich bin ein bißchen doof heute, wenn das nicht überhaupt schon Dauerzustand bei mir ist. Na, einerlei, ich hatte auf alle Fälle keine Lust, und finde es nun tröstlich, mal mit sich und seinen Gedanken ganz allein zu sein; die sind aber nicht immer in Bochum, nur meistens. Und dann spiele ich Grammophon, denn das kann ich entschieden besser, als Klavier spielen, doch das habe ich auch schon getan und sogar Bach, von dem ich ein sehr schönes Notenbüchlein entdeckt habe.

Gestern haben wir einmal wieder sehr schön Tennis gespielt. Und denk’ mal, der Herr, der zuerst da war, hat mit einem Lappen die Pfützen vom Platze weggenommen, damit wir auch spielen konnten. So etwas nennt man doch Sportbegeisterung, nicht wahr?

Und nun, mein lieber Walter, sorg bitte für gutes Wetter, denn dann ist’s noch einmal so nett.

Bis zum Donnerstag, auf den ich mich ganz unsinnig freue, bin ich mit den herzl. Grüßen auch für Deine lb. Angehörigen

Deine Anneliese.

Die Eltern lassen wie immer herzl. grüßen.

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