Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Sa 15.08.1931, Brief von Walter an Anneliese: “so etwas muß man sich ja der Familie anpassen”

Bochum d. 15. Aug. 31.

Die Zeit seit unserem letzten Zusammensein kommt mir schon reichlich lange vor, und ich möchte mein Baby recht bald wiedersehen. Vielleicht ist es Dir mal an einem Wochentage recht. Ich dachte nächste Woche Donnerstag, natürlich würde ich dann wieder mit dem Zuge kommen, der ungefähr 1/2 9 Uhr in Schwelm ist. Falls Dir ein anderer Tag angenehmer ist, schreibe mir bitte, ich möchte Dich auch nicht gerade bei Deiner Arbeit stören. So etwas habe ich auch überlegt, wenn ich auch sonst von der Hausarbeit keine Ahnung habe, am Freitag ist sicher schon so etwas ähnliches wie Hausputz, den Mittwoch bekommen wir Besuch von meiner Kousine und dem Jungen von einer anderen Kousine und bis Sonntag zu warten kommt mir etwas lange vor. Im übrigen wird uns Herr Wagner, ein Bekannter, am Sonntag besuchen, wo meine Anwesenheit von Hause gewünscht wird. Mir persönlich liegt an diesen Besuchen nicht viel, aber so etwas muß man sich ja der Familie anpassen.

Meine Mutter hat mein spätes Heimkommen garnicht so tragisch aufgefaßt. Sie ist es ja in etwa gewöhnt, daß ihre Jungen gelegentlich mal morgens kommen; das sie das nicht gut heißt, ist natürlich, aber am nächsten Tage ist alles wieder in Ordnung. Es wäre auch nichts dabei gewesen, wenn ich ihr den ganzen Vorfall erzählt hätte, aber warum soll man Komplikationen schaffen, wenn es nicht nötig ist. Daß meine Mutter mich weniger gern nach Schwelm fahren ließe, kommt nicht in Frage, da sie Dich doch dann geborgen weiß und ein verspätetes Abfahren für mich nicht gut denkbar ist, da Deine Eltern doch auch dafür sorgen. Aber wenn wir beiden uns irgendwo anders treffen wollten, würde ich vorher immer, wie Du jetzt wahrscheinlich, die guten Mahnungen hören müssen: “Sieh zu, daß das Mädchen rechtzeitig nach Hause kommt.” Unnötige Besorgnisse soll man bei den lieben Müttern nicht schaffen, sie sorgen sich schon so genug um ihre Kinder. Bei passender Gelegenheit muß man von seiner Psychologie auch mal Gebrauch machen. Wenn Du Deine Mutter darauf mal beobachtest, wirst Du mir Recht geben. Es wäre auch traurig, wenn (ihnen) den Müttern das Wohl und Wehe ihrer eigenen Kinder nicht bis ins einzelne am Herzen läge. Es geht mir doch auch schon so. Wenn meine Mutter allein fortfahren sollte, würde ich mir auch Sorgen machen, da ich weiß, daß sie auf der Bahn beim Umsteigen nicht so sicher ist wie ein junger Mensch. In unserem Falle wird mit unserer Gleichgültigkeit gerechnet. Du siehst also, daß ein Verschweigen nicht immer Unehrlichkeit bedeuten muß.

Die Vorbereitungen zu meiner Arbeit habe ich bereits getroffen, morgen will ich beginnen, etwas niederzuschreiben. Für heute nachmittag bin ich bei einem Studienfreund eingeladen. Es verspricht sehr gemütlich zu werden. Ich werde Dir alles erzählen, wenn ich in Schwelm bin. Schreib mir doch bitte recht bald, ob Dir der Donnerstag angenehm ist. Ich freue mich so sehr auf den schönen Tag. Wenn Deine Eltern mir den Passus verziehen haben, wird auch wieder die fröhliche und gemütliche Stimmung aufkommen. Grüß Deine lb. Eltern vielmals von mir und sei selbst herzlich gegrüßt und geküßt von

Deinem Walter.

Meine Mutter und Geschwister lassen auch vielmals grüßen.

Vielen Dank für die schöne Ansicht!

Noch keine Kommentare

Noch keine Kommentare...

Schreib' doch den ersten!

Schreib einen Kommentar: