Mi 12.08.1931, Brief von Anneliese an Walter: “es war lediglich eine Dummheit von mir”
Poststempel: 13.08., 7-8 Uhr.
Schwelm, den 12. Aug. 1931.
Mein lieber Junge!
Heute vor 8 Tagen um diese Zeit - es ist jetzt 10h abends - wars doch viel, viel schöner! Ich habe heute sehr viel an vorigen Mittwoch denken müssen. Wir sind vor etwa 1 Stunde, bis auf die Haut durchnässt, von einem weiten Spaziergang zurückgekommen. Nackens waren u. a. auch mit, und ich habe mich recht nett mit Jutta unterhalten. Das arme Kind hat ein ungeheures Liebesbedürfnis, das so wenig gestillt wird. Und nun leidet sie sehr und verfällt auf dumme Gedanken. Sie tut mir so leid, gerade weil ich all das habe, was sie so sehr vermisst. Es muss für einen empfindsamen Menschen schrecklich sein, von so wenig Liebe umgeben zu sein. – Dir danke ich recht herzl. für den schönen Brief, ich war froh, als ich nun sicher wußte, daß mein lieber Junge heil in Bochum gelandet war. Es tut mir leid, daß Du umsonst angerufen hast, wir holten gerade alle den in der Nacht versäumten Schlaf nach. Und Du Ärmster hast gleich am nächsten Tage arbeiten müssen. Wie ist es denn, gehts mit Riesenschritten vorwärts? Hoffentlich tust Du nicht zuviel des Guten, damit Du Dich auch ein wenig erholst! Frische Luft tut auch zuweilen gut.
Daß Deine lb. Mutter über Dein spätes Nachhausekommen böse war, tut mir herzl. leid; ich kann’s aber recht gut verstehen. Ich habe viel daran gedacht in den letzten Tagen und mich gefragt, warum Du Deiner lb. Mutter wohl nicht den Grund Deines späten Kommens gesagt hast. Ich möchte Dir hier nicht irgendwie dreinreden, denn Du kennst Deine Mutter und ihre Ansichten sicherlich am besten. Und doch sage ich mir, es war doch nichts Schlimmes, was vorgekommen ist, es war lediglich eine Dummheit von mir, die natürlich nicht wieder vorkommen darf. Und da täte es mir sehr leid, wenn Deine lb. Mutter weniger gut von mir denken würde, würde sie doch auch dann ihren lb. Jungen weniger gern nach Schwelm fahren lassen, was auch Dich sicherlich betrüben würde. Das waren nun so meine Gedanken; die Entscheidung überlasse ich Dir, denn Du wirst am besten wissen, was richtig ist.
Gestern war ich hier zur amtlichen Verfassungsfeier. Da wurde sehr schön Orgel mit Violine gespielt, und die Rede war auch ganz nett. Sonst sind nur einige nette Spaziergänge und eine Verbesserung meines Tennisspielrecords am Samstag von 9 auf 10 Stunden zu verzeichnen. Jetzt bei dem schlechten Wetter nähe ich zur Abwechslung mal wieder ein Kleid. Wenn Du einmal Hunger auf Birnen hast, dann komm zu uns, wir haben unendlich viele. Und damit Du Schwelm bei Deiner vielen Arbeit nicht ganz vergißt, lege ich Dir eine Ansicht von dem bedeutendsten Bauwerk dieser Großstadt bei.
Recht herzl. Grüße und gutes Gelingen der Arbeit wünscht Dir
Deine Anneliese.
beigelegte Postkarte: “Schwelm. Postamt”

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