Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Do 06.08.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Ich werde Dich auch behüten und beschützen”

Bochum d. 6.8.31.

Mein liebes Kind!

Ich freue mich sehr, daß Du so schnell geschrieben hast und will auch gleich antworten. Ich hatte doch Sorge um Dich. Heute mittag habe ich deshalb 2240 angerufen, aber das Fräulein sagte mir, daß niemand aufgemacht habe, es war so um 3 Uhr heute nachmittag. Ich wollte doch eben mal fragen, ob alles ohne Tränen verlaufen ist. Ich weiß nun doch Bescheid, daß es viel besser und richtiger aufgefaßt worden ist, als es möglich gewesen wäre. Es hätte mir sehr leid getan, wenn unser Glück und unsere Liebe durch jene kleine Äußerlichkeit mit größeren unangenehmen Wirkungen hätte getrübt werden sollen. Innerlich ist das wohl nicht mehr möglich, nur äußerlich erschwerbar. Ich freue mich, daß Deine Eltern Vertrauen zu mir und ihrem Kinde haben, welches wir gerechtfertigt haben und zu erhalten wissen werden. Ich werde Dich auch behüten und beschützen, soweit es in meiner Kraft steht. Wenn es meine Anlagen und Fähigkeiten zulassen, werde ich Dir auch Freude und Glück im Leben bereiten. Der Haraldsche Befund scheint dies ja für möglich zu halten. Da alles so gut verlaufen ist, tut es mir fast nicht mehr leid um das kleine Abenteuer. Es hat auch seine schöne Seite gehabt. Sicherlich sind wir uns dadurch näher gekommen und haben uns recht lieb gehabt. So ein liebes Kind gibt einem doch einen seelischen Halt. Man kann sich über alles ungezwungen aussprechen, ohne üble Nachrede und Unehrlichkeit befürchten zu müssen. Man hat jemanden, der einem mehr Wert ist als die eigene Person und findet darin volle Befriedigung und wahres Lebenglück [sic].

Die Fahrt nach Bochum war abgesehen von der Sorge um Dich ganz nett. Das Wetterleuchten hab’ ich noch nie so schön gesehen. Wo ein Naturschauspiel zu sehen ist, eine unerschöpfliche Quelle aller Naturforschung, da liegt auch mein Interesse. Um 3/4 4 Uhr war ich zu Hause. Mutter hat trotz meiner Vorsicht beim Hereingehen gemerkt, daß ich gekommen war und nach der Uhr gesehen. Sie meinte, daß wir am Tage wohl genug Zeit gehabt hätten, uns was zu erzählen, daß wir dazu wohl die Nacht nicht dranzusetzen bräuchten. Ich habe ihr die Affaire garnicht erzählt, ist auch nicht nötig. So ganz unbekannt ist meiner Mutter mein spätes Nachhausekommen ja nicht. Im übrigen wußte sie, daß ich ja nicht allein war. Mir kommt die ganze Angelegenheit noch etwas traumhaft vor, wie ein schönes Märchen.

Heute habe ich mit meiner Arbeit angefangen, sie wird unter Deinen guten Wünschen auch gedeihen. Nun, mein liebes Kind, laß es Dir recht gut gehen, bleibt hübsch gesund und denk mal wieder an Deinen Jungen.

Mit recht vielen Grüßen und heißen Küssen bin ich

Dein treuer Walter.

Viele freundliche Grüße an Deine lieben Eltern.

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