Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mo 03.08.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Die Einsamkeit und vor allem Krankheit ist nichts für mich”

Bochum, den 3. August 31.

Mein liebes Kind!

Über Deinen netten Brief, der heute morgen ankam, habe ich mich sehr gefreut. Mit Deinem Vorschlag 1404 ab Schwelm und 1555 an Blankenstein bin ich natürlich einverstanden. Ich werde Dich von der Bahn abholen. Ich denke jetzt fast nur noch an Mittwoch. Meine Mutter ist leider schlecht zurecht. Wahrscheinlich hat sie so eine Art Grippe. Hoffentlich behebt sich das bis Mittwoch wieder. Falls es so schlimm werden sollte, daß ich nicht kommen kann, rufe ich Dich Mittwoch mittag zwischen 12 und 1/2 1 Uhr an, sonst komme ich bestimmt nach Blankenstein. Heute abend um 1/2 8 Uhr kommt meine Schwester wieder, und um 1/2 9 Uhr mein Freund Willi Schmidt. Dann kommt etwas mehr Leben ins Haus. Die Einsamkeit und vor allem Krankheit ist nichts für mich. Es drückt ziemlich die Stimmung und macht nachdenklich. Die Arbeitswut ist bei mir noch nicht gekommen, aber es wird bald Zeit.

Deine Ausdauer im Tennisspielen ist geradezu bewundernswert. Ich möchte gern mal zusehen, wie mein Baby da herumspringt. Am Mittwoch werde ich wohl zu Fuß nach Bl. laufen, um mich wenigstens körperlich zu erholen. Leider kann ich dabei keine hinreichende Armkraft bilden. Wenn das so weiter geht, werde ich wohl manchen Kinnhaken von Dir einstecken müssen. Nach einem tüchtigen Zahnklempner werde ich mich aber rechtzeitig umsehen, damit die Leute nicht gleich merken, wenn ich nicht artig war. Im übrigen rechne ich mit Deiner Rücksichtnahme auf meine schwache Konstitution.

Nach den Ferien werden wahrscheinlich die unhaltbaren Zustände am Schwelmer Realgymnasium in Meersburg veröffentlicht werden. Hoffentlich bist Du beim Abschied von Muckis recht lieb und dankbar gewesen, damit die öffentliche Meinung in Deutschland über uns nicht zu schlecht ausfällt, das könnte uns doch teuer zu stehen kommen.

Nun, mein liebes Kind, will ich schließen und hoffe, dich wohlbehalten am Blankensteiner Bahnhof am Mittwoch wiederzusehen und bin mit vielen Grüßen und Küssen, erstere auch an Deine lb. Eltern,

Dein treuer

Walter.

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