Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 02.08.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Ich warne Dich also”

Poststempel: Schwelm, 14-15 Uhr

Schwelm, den 2. August 31.

Mein lieber Junge!

Es ist so strahlend schön heute morgen, daß ich nur immer wieder bedaure, daß Du nicht hier bist. Nun habe ich all die dummen Schreibereien an mehr oder weniger gleichgültige Leute hinter mir und kann endlich einmal ein wenig mit Dir plaudern und Dir für Deinen lb. Brief danken. Eigentlich sollte dieser Brief schon gestern fort, doch habe ich gestern 9 Stunden lang Tennis gespielt und bin halb verhungert erst um 10 h nach Hause gekommen. Heute wird meine Schrift wohl noch schwerer leserlich sein, denn der rechte Arm ist doch ein wenig überanstrengt. Aber gestern habe ich wieder viel gelernt, man bekommt langsam Angst vor den festen Schlägen. Ich warne Dich also, sei nur immer recht nett zu mir, sonst…!

Letzte Woche hatte ich “Wuppertaler Festwoche”, es war schlimm, aber sehr nett. Montag abend im Turnen zeigte sich Frau Hornig einmal wieder von Ihrer nettesten Seite, sodaß ich ihr wieder viel verziehen habe; jetzt steckt sie mit ihrem Mucki am schönen blauen Bodensee in Meersburg.

Leni ist auch heute nacht nach Grömitz gefahren; sie war am Donnerstag nachmittag bei mir und hat mir den Rundbrief Fenking [?], Pricking usw. gezeigt; es steht aber nicht viel Vernünftiges drin. Nun will sie sich 14 Tage lang dort oben tüchtig amüsieren und nebenbei auch etwas erholen. Ja, ich gönne es ihr bestimmt.

Für Dich freue ich mich nun, daß Du einmal für einige Zeit den ganzen Schulzwang hinter Dir hast. Wie steht’s denn mit Deiner Arbeit? Weißt Du das Thema schon? Ich finde dies Ungewisse ist immer am unangenehmsten, wenn man schreiben kann und ordentlich anfangen kann, ist es nur noch halb so schlimm.

Für Mittwoch habe ich nun schon nach den Zügen gesehen; es ist wohl am besten, wenn ich über Hagen fahre, die Fahrt dauert etwas länger, doch ist es wiederum am bequemsten. Ich könnte dann um 1404 hier abfahren, wäre um 1429 in Hagen, ab H. 1509 an Blankenstein (Burg) 1555. Wie findest Du das? Schreib mir bitte bald, was Du dazu meinst, wenn es geht so, daß ich noch am Dienstag Bescheid bekomme. Ich freue mich nämlich ganz schrecklich, daß wir uns so bald wiedersehen, Du etwa auch?

Dir und Deinen lb. Angehörigen recht herzl. Grüße

Deine Anneliese.

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