Do 30.07.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Du siehst also, welch eine Schlafmütze ich bin”
Bochum d. 30. Juli 31.
Mein liebes süßes Baby!
Die letzten Schultage waren noch ziemlich bewegt. Montag früh mußte ich mitten in der Nacht aufstehen (7 Uhr). Viel lieber hätte ich noch geschlafen und von meinem Kind weitergeträumt. Die Physikstunde hat ganz gut geklappt, aber über mein Thema für die kleine Arbeit war ich mir garnicht im Klaren. Was ich mir überlegt hatte, schien mir zu wenig pädagogisch zu sein. Ich sprach darauf mit unserem Turnlehrer, der mir riet, über meine Erfahrungen im Turnunterricht zu schreiben. Wie das angelegt werden könnte, wußte er auch nicht zu sagen. Ich hatte schon vor, ein chemisches Thema zu wählen, aber 2 chemische Arbeiten kam mir etwas unpraktisch vor. Deshalb habe ich es unterlassen, mit den Mentoren für Chemie zu sprechen. So schwanke ich jetzt noch hin und her. Das Referat in Chemie habe ich nun auch hinter mir. Montag abend war ich mit Franz zusammen im Stadtpark, Mittwoch ist er nach Schwelm gefahren und will bis Sonntag dort bleiben. Dienstag nachmittag war unsere letzte pädagogische Sitzung. Es steht jetzt fest, daß das Seminar geteilt werden soll. Das hat natürlich nur den Zweck einer Mehrbelastung. Die Referendare im 1. Jahr werden nicht mehr sämtlich zum Bezirksseminar zusgelassen. Damit habe ich Gott sei Dank nichts mehr zu tun. Dienstag abend war Abschiedsabend der Referendare(innen). Der Leiter Oberst.dir. Schilling war auch da und ist bis zum Schluß, ¾ 3 Uhr, geblieben. Mittwoch mußte ich natürlich wieder um 8 Uhr antreten. Nach den vielen Verabschiedungen und Ferienwünschen war ich dann um 11 Uhr in der Stadt mit Dr. Heinzel, von dem ich Dir schon erzählte, und freute mich mit ihm über den Beginn der Ferien. Nachmittags ging Mutter zu einer bekannten Familie, ich wollte gegen 5 Uhr nachkommen. Da ich etwas müde war, legte ich mich etwas schlafen. Plötzlich schellte jemand, ich wußte kaum, ob es morgens oder abends war; es war meine Mutter, die über mein Fernbleiben ziemlich enttäuscht war. Die Uhr zeigte bereits ½ 10. Du siehst also, welch eine Schlafmütze ich bin, aber das geht den meisten Kollegen so. Die Ferien sind auch in dieser Beziehung eine ganz nette Angelegenheit. Heute morgen war ich in der Schule und heute Nachmittag hatte [sic] wir Besuch. Deshalb kann ich erst jetzt schreiben. Viel schöner ist natürlich Deine wirkliche Nähe. Hoffentlich will es das Geschick nicht, daß ich nächstes Jahr weit weg muß und nur in den Ferien mit Dir zusammen sein kann; ich mag mir das garnicht vorstellen. Wenn bei Dir nichts dazwischen fällt, sind wir in einer Woche zusammen in Blankenstein. Nach den Zügen habe ich mich noch nicht erkundigt, aber ich werde das noch tun und Dir mitteilen. Ich würde mich aber sehr freuen, von Dir inzwischen etwas zu hören. Vergiß bitte nicht, den Haraldschen Befund beizulegen. Die übrigen negativen Eigenschaften fügen wir dann in Blankenstein hinzu. Verbring die Tage recht schön und sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt
von Deinem treuen Walter.
Viele freundliche Grüße an Deine lb. Eltern und Leni.
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